Sonntag, Juli 14, 2024

Abwesenheitsnotiz

Soziale Medien führen zu Vereinsamung und unkritischem Konsum von manipulativen Nachrichten. Abwesend ist nicht nur der klassische Dialog, sondern ein Plan, dem Zersetzen der Gemeinschaft Einhalt zu gebieten.

Die meisten E-Mails werden in diesen Tagen besonders schnell beantwortet – binnen weniger Sekunden. Man schreibt jemandem und erhält kurz darauf eine Abwesenheitsnotiz. Das ist so anregend, dass man gleich selbst eine Abwesenheitsnotiz einrichten will. Gesagt, getan! I am out of Office!

Juli und August gelten schon seit Jahrzehnten als Zeiten des Ausnahmezustands. Man geht davon aus, dass die meisten Menschen auf Urlaub sind. Im Journalismus spricht man vom Sommerloch. Soll heißen: Es gibt eigentlich nichts zu berichten, daher werden relativ sinnlose oder sinnentleerte Artikel und Sensationsmeldungen gebracht. Aber ist das alles wirklich so oder wird es nur standhaft behauptet?

Fragmentierung der Aufmerksamkeit und ihre Gegenbewegung

Ich glaube, dass wir mehr denn je in einer Massenkultur leben. »Trends« zu folgen ist heute in. Es ist eine Reaktion auf die große Fragmentierung des Medienangebots. Schaute man in Österreich bis in die Achtzigerjahre zwei Fernsehsender und hörte maximal drei Radiosender, so stieg das Angebot mit Kabel und Satellit rasant an. Plötzlich konnte man, nein musste man, zwischen zig oder gar hunderten Sendern wählen. Inhaltlich boten sie alle zwar sehr ähnliches Programm und die Angebotsvielfalt wuchs durch sie kaum. Aber durch das schnelle quantitative Wachstum des Programms wurde die Macht über die Rezeption von Redaktionen auf den Konsumenten übertragen, der nun ratlos mit der Fernbedienung dastand. Es folgte eine erste Phase der Fragmentierung der Aufmerksamkeit, die sich in einem Phänomen besonders klar zeigt: dem Zappen.

Vorbei war es damit, dass sich ein Großteil der Menschen am nächsten Tag über den gestrigen Nachtfilm in FS2 unterhalten konnte. Jeder hatte etwas anderes gesehen. Und so kam es zu einer Renaissance des gemeinsamen Medienkonsums – dem Public Viewing. Sah man in den Sechziger- und Siebzigerjahren Sendungen nur gezwungenermaßen mit anderen, weil man selbst kein TV-Gerät hatte und zum Fernsehen zum Nachbarn oder ins Gasthaus ging, so schauen Menschen heute Fußballturniere und den sonntäglichen Tatort gemeinsam. Ein Event, das sich der Fragmentierung der Aufmerksamkeit quasi symbolisch entgegenstellt. So kam es, dass inzwischen der Eurovisions-Songcontest – ein mediales Fossil, das in den Achtzigern bei Jugendlichen als Seniorenprogramm galt und ausgelacht wurde – zum Event stilisiert wird.

Vereinsamung des Konsumenten

Die heutigen Jungen kommen den heutigen Alten alt vor. Alt und in ihrer mangelnden Aufmüpfigkeit und Angepasstheit geradezu bieder. Sie werden anscheinend von Trends und Massenkultur geleitet, ohne sie zu kritisieren und zu untersuchen. Denn bei allen Trends stellt sich natürlich die Frage, wer sie macht. Menschen und Maschinen arbeiten Tag für Tag daran, bestimmte Inhalte zu lancieren und zu multiplizieren und andere zu unterdrücken.

Durch das Smartphone, das in unserer Zeit den ganzen Tag unterbrechungslos mit dem World Wide Web verbunden ist, ist die Vereinsamung des Konsumenten vollendet. Seine inhaltliche Entscheidungsgewalt über konsumierte Information und Unterhaltung aber ist scheinbar gigantisch. Ich sage scheinbar, weil es nur so scheint.

Digitale Verwahrlosung

In seinem Buch The Anxious Generation – auch in deutscher Übersetzung als Generation Angst – widmet sich Jonathan Haidt der Generation, die bereits mit dem Smartphone aufwächst. Der Sozialpsychologe kommt dabei zur Erkenntnis, dass der Überbehütung von Kindern in der analogen Welt eine krasse Verwahrlosung und ein Auf-sich-selbst-gestellt-Sein in der digitalen Welt gegenübersteht.

Diese und andere Erkenntnisse, die profund sind, werden gewonnen und immer wieder aufgezählt. Indessen fragt man sich beim Lesen der fast 400 Seiten auch öfter, ob ihre Aufzählung auf zwei A4-Seiten nicht kompakter wäre. So werden die vier Grundschäden, die der Autor der Smartphone-Nutzung zuschreibt, wieder und wieder aufgezählt: Soziale Deprivation, Schlafmangel, Fragmentierung der Aufmerksamkeit und Abhängigkeit. Man kann es nachvollziehen.

Eine politische Frage

Und schließlich fehlt mir eine zentrale Frage: Welche Rolle spielt die Smartphone-Nutzung in unserer Zeit, in der die Demokratie von innen unter Beschuss gerät und unsere Gesellschaft dazu tendiert, eine oligarchische Gesellschaft zu werden, die den Reichen und Großkonzernen immer mehr Macht gibt – auch die Macht, uns über Medien und Konsum zu manipulieren?

Ich glaube, dass eine Entpolitisierung dieser Frage nicht möglich ist. Und ich glaube vor allem, dass nicht die Regulierung der Smartphone-Nutzung hier einen Umschwung herbeiführt. Man stelle sich etwa vor, was los wäre, würde die EU eine Verordnung erlassen, die die Benutzung von Smartphones erst ab vierzehn Jahren und das Anlegen von Social-Media-Accounts erst ab sechzehn Jahren erlaubte. (Beides sind Vorschläge von Haidt.)

Erosion der gesellschaftlichen Solidarität

Ich glaube, nur wenn man die politische Dimension der Fragmentierung der Aufmerksamkeit – die zugleich eine Erosion der gesellschaftlichen Solidarität bedeutet – begreift, kann man handeln. Selbstbestimmt handeln. Was das Smartphone auslöscht, ist der Wille zur Erhaltung der sozialen Umwelt. Dabei ist es ein durchaus materialistisches Interesse, wenn ich ein bestimmtes soziales Gefüge erhalten will: Produzenten, Händler und Konsumenten von Waren oder Dienstleistungen sollen gleichermaßen überleben können und gemeinsam und partizipativ Entscheidungen über die Regeln in diesem sozialen Gefüge treffen.

Torpediert wird dieser Zustand, wenn der einzelne Konsument etwa mit dem Argument, die gekaufte Ware sei anderswo billiger, ausschert und so globale Händler entstehen, die das soziale Gefüge ausnützen und schwächen – so zum Beispiel Großkonzerne, die in unserem Staat viel Geld verdienen und keine (oder viel zu wenig) Steuern zahlen. Die perverse Situation ist heute, dass die Mehrheit das als Konsument tut, es aber als Produzent und Händler beklagt. Dann wird davon gesprochen, dass die Gesellschaft gespalten sei. Nun, wie sollte sie es nicht sein, wenn der Einzelne ihr das nicht gibt, was er von ihr erwartet? In Wahrheit ist ja der Einzelne gespalten und nicht die Gesellschaft.

Millionen von Egoisten

Auf der Ebene der Kommunikation und Information durch das Smartphone wird dieser Egoismus genauso ausgelebt: Die Konfrontation mit den Interessen der anderen, die meinen Lebensraum teilen, das Anhören und Akzeptieren ihrer Meinungen und Wünsche, die Auseinandersetzung und Diskussion mit ihnen, fällt weg. Das schafft eine Ansammlung von Millionen von Egoisten, die keine Gesellschaft mehr sein wollen.

Dagegen arbeiten kann man nur jeden Tag. Es ist eine Arbeit an sich selbst. Und vielleicht kann ich die Zeit, in der meine Abwesenheitsnotiz denen, die mit mir kommunizieren wollen, binnen Sekunden um die Ohren fliegt, dazu nutzen, mich weiter damit zu beschäftigten. Es ist allerdings keine Urlaubs- oder Sommerlochbeschäftigung, sondern eine Aufgabe, die sich jeden Tag stellt: Wie kann ich der Zerstörung des menschlichen Lebensraums entgegentreten? Es ist eine soziale, ökonomische und ökologische Frage zugleich. Es ist die Frage unserer Zeit. Wir dürfen diese Frage nicht als einen »Trend« sehen, den ein soziales Medium vorgibt, das unsere Aufmerksamkeit schon dreißig Sekunden später auf den größten Apfelstrudel der Welt oder Schminktipps für die Hitzewelle lenkt. Es ist die Frage unserer Zeit – der Fortbestand der demokratischen Gesellschaft ist von ihr abhängig.


Titelbild: Miriam Moné

Autor

  • Daniel Wisser

    Daniel Wisser ist preisgekrönter Autor von Romanen und Kurzgeschichten. Scharf und genau beschreibt er, wie ein Land das Gleichgewicht verliert.

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