Mittwoch, April 24, 2024

Wenn die Stunde schlägt

Julya Rabinowichs Redebeitrag bei der Demonstration gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Faschismus am Freitag in Wien.

„Weil so vieles auffliegt, stehen wir hier. Wir sind hier, weil es nicht mehr fünf vor Zwölf ist, die Uhr hat schon geschlagen und die Stunde. Das, was unsagbar war- es ist locker aussprechbar, schreibbar, es verbreitet sich in sozialen Netzwerken, es verbreitet
sich ungebremst. Manches wird aus kleinlicher Kalkulation noch grösser aufgeblasen. Schon werden Fahndungslisten geschrieben, schon werden Deportationsgelüste ausformuliert. Die Politik, die einen Cordon Sanitaire gegenüber diesem Unsagbaren bilden sollte, bildet keinen einheitlichen Block dagegen. Da und dort klaffen Lücken, es wird aus Kalkül angeschmust, wo man deutliche Grenzen ziehen sollte, der kalte Wind pfeift durch die Risse des Nie Wieder. Wir sollten nicht warten. Wir dürfen nicht warten.  Wir wollen nicht warten, bis auch das Undenkbare getan sein wird. Ich werde mich kurz fassen: Wir sind hier, weil wir etwas
versprochen haben. Denen vor uns, und denen nach uns.

Nie wieder, haben wir gesagt. Und es soll auch nie wieder bleiben. Schon ist es nah, noch näher, schon flutet es ins Jetzt. Wir sind alle gefragt. Es wird auf jede einzelne Stimme ankommen, aus welchem Lager sie auch stammt. Der unheiligen Dreifaltigkeit, jene von
Rassismus, Rechtsextremismus und Antisemitismus muss sich doch jede und jeder entgegenstellen, die nicht in einer wiedergekehrten Zeit aufwachen wollen, die zum Alptraum einlädt. Dieser unheiligen Dreifaltigkeit sagen wir jetzt und morgen und
übermorgen und in all der Zeit die noch kommt – und die Zeit, die kommt, wird einiges abverlangen an Mut, an Zusammenhalt und an Wachsamkeit:
Du! Kommst! Nicht! Vorbei!“

Notiz der Verfasserin: Im Nachhinein bin ich glücklich und erleichtert darüber, dass am 26.1.2024 so viele Menschen bereit waren, im strömenden Regen friedlich ein Zeichen zu setzen.


Titelbild: Michael Mazohl

Julya Rabinowich
Julya Rabinowich
Julya Rabinowich ist eine der bedeutendsten österreichischen Autorinnen. Bei uns blickt sie in die Abgründe der Republik.
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40 Kommentare

  1. Liebe Frau Julya, hat der Genozid an den Palästinensern im Gaza ev. auch einen Bezug zum israelichen Rechtsextremimus des Benjamin N ?

    • Als ich ihren Link öffnete spielte mein Computer verrückt und fragte mich dann ob ich es zulassen würde, eine App herunterzuladen?

      Ich glaube, da demostrieren schon verzweifelt die Berufsbetroffenen bei einem möglichen Regierungswechsel?
      Aber vermutlich auch die, die sich irgendwann für das was in diesem Lande “passierte” verantworten werde müssen und hierfür schon die Moralhoheit dafür vereinnahmen möchten?

  2. Ja Frau Rabinowich, es wurde ein Zeichen gesetzt.
    Und weitere müssen folgen.
    Wir dürfen Österreich nicht diesen Rechtsextremisten überlassen!

  3. ad Faschismus: U. Guerot definiert ihn in einem kurzen YT-Video als eine Bündelung von Argumenten, das keine anderen Argumente zulässt. Faschismus ist weder rechts noch links. Interessant.

    • Interessante Aussage!
      Das heißt, auch Linke, bis hin zu ausgesprochenen Grünen, könnten damit auch faschistoid sein?

      Habe die Definition gefunden:

      “In seinem im Jahre 2004 veröffentlichten Buch The Anatomy of Fascism definiert der US-amerikanische Geschichtsprofessor Robert O. Paxton Faschismus so:

      „Faschismus kann definiert werden als eine Form des politischen Verhaltens, das gekennzeichnet ist durch eine obsessive Beschäftigung mit Niedergang, Demütigung oder Opferrolle einer Gemeinschaft und durch kompensatorische Kulte der Einheit, Stärke und Reinheit, wobei eine massenbasierte Partei von entschlossenen nationalistischen Aktivisten in unbequemer, aber effektiver Zusammenarbeit mit traditionellen Eliten demokratische Freiheiten aufgibt und mittels einer als erlösend verklärten Gewalt und ohne ethische oder gesetzliche Beschränkungen Ziele der inneren Säuberung und äußeren Expansion verfolgt.“[10]

      Als „faschistoid“ werden Eigenschaften bzw. Haltungen bezeichnet, die faschistische Züge tragen oder dem Faschismus ähnlich sind, meist jedoch in abgeschwächter oder differenzierter Form auftreten. Auch einzelne Bestandteile einer Ideologie bzw. eines politischen Systems werden manchmal als „faschistoid“ bezeichnet. Man spricht dann von „faschistoiden Tendenzen“ des jeweiligen Systems bzw. der betreffenden Ideologie.

        • @Samui 18:06

          Was bist Du?

          Faschismus wird meiner Meinung nach aber vor allem von der aktuellen Politik bestimmt.

          So ist die Basis für den aktuell zumindest aus meiner Sicht täglich gelebten Faschismus in Österreich vor allem über diese so hoch gelobte Justizjahrhunderreform erfolgt?

          Nehmen wir dafür aber nur beispielsweise (ich könnte hier zahlreich weiter fortfahren) nur diesen Immunitätserlass daraus heraus – Wenn die Medien über diesen schwerstens faschistoiden Erlass endlich so berichten würden wie sie müssten, dann wäre dieser Wahrnehmungsindex zumindest aus meiner Sicht schon lange explodiert, aber in die andere Seite als gerade – Das ganz zu schweigen, was dann sonst noc alles automatisch mit an die Oberfläche kommen MUSS…

          Zweimal schon hat die Justizministerin via Medien verkündet, dass dieser abgeschafft wäre – zweimal hat es nicht gestimmt und waren das ganz klar FAKE NEWS und alles geht trotzdem weiter als ob nichts gewesen wäre. – NOCH IMMER KEIN MEDIENSTERBENSWÖRTCHEN DARÜBER…
          – Dazu wurde dann noch die Pilnacek Kommission eingerichtet, wo wir noch immer nicht wissen wie dieser ums Leben kam und dann verbessert sich ganz plötzlich auch noch Korruptionswahrnehmungsranking um zwei Plätze nach vorne?

          – Amnesty International?- Wer ist das? – Sind diese überhaupt politisch unabhängig und nicht befangen?
          – War und ist der Chef dort nicht auch noch der Anwalt vom dieses System perfketioniert gelebten ehemaligen Justizminster Brandstatter?

          Gerne würde ich hier endlich Deine offene Meinung dazu kennen und dabei vor allem endlich wissen wollen, wo Du in dieser Thematik ganz konkret stehst?

          • @Dealer
            Meine Meinung? Ich mag Verschwörungen nicht.
            Ich bin froh daß das Justizministerium in grüner Hand ist.
            Und ich bin immer und überall gegen Rechts.
            Eigentlich ganz einfach.
            Ach ja….ich bin 5x geimpft und war gegen die Impfpflicht.
            Mehr will ich zu Deinen seltsamen Gedanken nicht schreiben…..is mir zu mühsam.
            In diesem Sinne, einen schönen Abend.

          • @Samui
            Zitat:
            “Und ich bin immer und überall gegen Rechts.
            Eigentlich ganz einfach.”

            Glaubst Du nicht, wenn Du bedingungslos und überall gegen Rechts bist, dass Du dann vieleicht sogar linksextrem oder gar faschistoid damit sein kannst?

            Wie ich mehr und mehr lesen kann, wurden die Impfstoffe vorher sehr oft selektiert zugewiesen, wenn sie überhaupt solche waren… – Allein diese Frage müsste schon lange vollständig nachvollziehbar geklärt werden und gerade Du dafür sein, denn dann würden sich alle Diskussionen darüber wohl auch damit endgültig erledigen? – Meine Nachbarn hatten leider nicht dieses Glück…

        • M. Albright argumentiert eigenartig. Trump erfüllt ihre Kriterien aber sie nennt ihn keinen Faschisten (zurecht, noch). Erinnert an “er war ein ehrenwerter Mann”.

  4. “Nie wieder!”
    “sollte” man nicht sagen
    im Show-Biz der Kultur und Kunst
    politisch aber werden solche Fragen
    unterlaufen im neoliberalen Dunst
    fascho-liberale Haltung pflegen
    Untertanen vorne den Erfolg verkaufen
    um sie fies von hinten reinzulegen
    denn geht’s dem Nächsten deutlich schlechter
    – die Schwächsten dürfen nicht verschnaufen! –
    musst dich selbst nicht mehr verbessern
    und Soziopath*innen als Sitten-Wächter
    rassistisch rein das Land uns fegen
    mit ihren schon geschärften, blanken Messern
    spielt die Zukunft uns hier nur im Gestern
    das Wort-gewaltig sie verschweigen
    hervorgekrochen diese Brut aus ihren Nestern
    nun ihre Wut uns Extremisten offen zeigen…

  5. Das Österreichische Strafgesetzbuch hat Lücken so groß wie ein Scheunentor. Warum ist es nicht möglich solche Typen vor Gericht zu bringen? Dinge wie Nationalismus , Rassismus und Korruption sind in Österreich Kavaliersdelikte. Antisemitismus wird zwar strafrechtlich belangt, aber ebenfalls nicht wirklich konsequent verfolgt. Deutschland hat aus seiner Geschichte gelernt, Österreich dagegen schweigt und verharmlost, weil seit Jahrzehnten eine Partei mit faschistischen Wurzeln das Justizministerium vereinnahmt.

      • Und ein Parlamentsgebäude kann man mir nichts dir nichts mit einem riesen Transparent und mit Pyrotechnik betreten, ohne was bis auf’s Dach gelangen, und keinem fällt was auf?

      • baer 12.21- Und so überquerte Sellner unter dem Motto “heim ins Reich” triumphal die Grenze zu Bayern. Am besten wärs wenn die ihn sich gleich behalten würden….

    • Ich habs eh schon oft geschrieben…. in Österreich gab es, wenn überhaupt, keine richtige Entnazifizierung.
      Nach Kriegsende war es kein Problem eine VDU zu gründen……
      Wir sind so……obwohl das sehr traurig ist.

      • Samui 18.30 – Als die Alliierten abgezogen stand unsere Nation vor dem Dilemma sich ab da selber zu entnazifizieren. Dass da nix gscheits rauskommen konnte versteht sich von selbst. 😉

      • Kennen Sie die Liste der ehemaligen Nazi-Kollaborateure oder Mitglieder der nsdap, die später in der SPÖ Karriere gemacht haben ? Jetzt vermute ich eine Antwort auf level whataboutism.

        • Ich habe ja von der ungenügenden Entnazifizierung geschrieben.
          Überall waren ehemalige Nazis zu finden, auch in der SPÖ.
          Aber im Gegensatz zur VÐU war die SPÖ kein Sammelbecken der rechten Recken. In der Nachfolgepartei der VDU sind diese ja nach wie vor beheimatet.

          • Da stimme ich zu. Ein positives Zeichen könnte die SPÖ dann noch setzen, wenn sie von der Familie eines ehemaligen SP Bundeskanzler verlangen würde, arisierte Immobilien zurückzugeben anstelle sich darin breit zu machen. Sie wissen vermutlich, wen ich meine. Und in der Vergangenheitsbewältigung der SP gehört v. a. der Adolf (!) Schärf an den Pranger. Dass die FPÖ keine Vergangenheitsbewältigung angeht, ist leider ein Faktum.

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