Freitag, Februar 23, 2024

Randnotizen: Türkiswashing

In den dieswöchigen Randnotizen von Daniel Wisser geht es um den Versuch der ÖVP, sich von Herbert Kickl abzugrenzen und die Reaktion der Medien darauf.

Seinen Kollegen, Saufkumpel, Stammtischnachbarn als seinen größten Feind zu verkaufen, ist nicht leicht. Karl Nehammer versucht es. Just jener Herbert Kickl, mit dem er in einer Regierung im Ministerrat gesessen ist, den seine Fraktion im Nationalrat gegen sieben Misstrauensanträge verteidigt hat und von dem er sein Programm kopiert hat, macht jetzt für die ÖVP die in Bund und Land einwandfreie FPÖ böse. Wer fällt auf denselben Trick zum neunten Mal hinein? Nehammer irrt gewaltig, wenn er glaubt, dass die Mehrheit der Menschen das nicht bemerkt.

Der Wahlkampf ist eine Frühgeburt und braucht besondere Pflege. Aus der Retorte der Parteizentrale kommen daher »neue Ideen«. Karl Nehammer inszeniert ein Duell, das er wohl wie im Fight Club mit sich selbst führt. Präzise drückt es Armin Thurnher in FALTER 5/25 auf Seite 5 aus:

Die rechtsextreme Entwicklung der FPÖ beschränkt sich nicht auf Ränder oder Serien-Einzelfälle. Sie reicht bis in den Nationalrat, wie die Recherchen von Nina Horaczek in ihrem Blog „Blauland“ zeigen. Die Trennung in FPÖ und Kickl-FPÖ ist nur eine Phrase der ÖVP, die sich eine Koalitionsmöglichkeit offenhalten möchte. Es gibt sie nicht.

Das Phantasma eines Kampfes zweier Parteien mit identischen Inhalten ist ermüdend. Noch ermüdender ist der Tonfall, in dem er angekündigt wird. Die ÖVP, die sich seit der Kurz-Koalition mit der FPÖ wieder einmal »neu aufstellen« will, ist kommunikationsmäßig auf dem Niveau von 2017. Wir müssen also jetzt monatelang wieder viel Asylanten-Bashing ertragen und die Medien-Spielchen der ÖVP, vulgo Message Control. Doris Helmberger hat das in der FURCHE in einem ausgezeichneten Artikel, der von mir sofort mit Markierungen und Randnotizen vollgekritzelt war, scharf analysiert und formuliert:

Nicht nur die anstandslose Übernahme blauer Begriffe stößt beim „Österreichplan“ sauer auf, sondern auch die altbekannte Taktik seiner Verbreitung. Wie in besten Message Control-Zeiten wurden vorab gezielt Informations- und Aufregerhäppchen (Stichwort „Genderverbot“) gestreut – und von den Medien brav apportiert. Ständig neue Säue durchs Dorf zu jagen und dabei die wichtigen Themen aus den Augen zu verlieren: Diese Unart zerstört freilich Vertrauen – und ebnet den Demokratiefeinden weiter den Weg.

Das brave Apportieren beginnt schon auf der Titelseite der Kronen Zeitung, deren Schlagzeile vom 27. Januar 2024 lautet: Kanzler setzt voll auf Duell mit Kickl. Damit wird auch – wie es Rechtspopulisten und Boulevardmedien gewohnheitsmäßig und der Verfassung widersprechend tun – die falsche Vorstellung einer Kanzlerwahl durch das Volk suggeriert. Tatsächlich finden Nationalratswahlen statt. Tatsächlich wählt man eine Liste und man weiß gar nicht, ob auf dem Stimmzettel die Liste 1 Volkspartei, Neue Volkspartei, Liste Kurz oder Schnitzel- und Burgerliste Nehammer heißen wird.

Ein Großteil der Menschen hat inzwischen ohnehin verstanden, dass die Abgrenzung der ÖVP von der FPÖ rhetorisch passieren muss, da sie inhaltlich nicht existiert. Beide oben zitierten Texte bringen das auf den Punkt. Doch nicht alle wollen wahrhaben, dass Herbert Kickl selbst früher Minister einer ÖVP-geführten Regierung war und nicht nur sein Pferd. In Der Standard findet Katharina Mittelstaedt die ÖVP-Moves wie gewohnt brillant und präsentiert ihre einseitige Meinung gleich im Titel des Artikels, was beim Standard in den letzten Monat irritierenderweise immer häufiger wird. Er trägt den Titel: Nehammer ist etwas gelungen. (Offensichtlich schaut Gerald Fleischmann nur mehr die Überschriften an und liest den Rest gar nicht mehr.) Mittelstaedt schreibt:

Ihm [Karl Nehammer, Anm.d.Aut.] und der ÖVP ist aber jedenfalls etwas gelungen. Nehammer hat – erstens – klargemacht, dass er Teil des Gegenmodells zu Kickl ist: gegen Antisemitismus, gegen Extremismus, gegen Verschwörung, Zerstörung und Destruktion. Und er hat – zweitens – ein Wahlprogramm vorgelegt und damit präzisiert, wofür die ÖVP steht. Da hat er den anderen Parteien nun etwas voraus.

Nehammers Programm ist Türkiswashing. Blaue Inhalte werden zu türkisen gemacht. Der Rest ist – um ein Wort von Franz Vranitzky zu verwenden – eine Pallawatschproduktion. Es muss einem erst jemand erklären, warum man bei bedrohlichem Anstieg der Arbeitslosigkeit eine Steuerfreistellung für Überstunden fordert, die die Arbeitslosigkeit weiter anheizen wird. Gerade Karl Nehammer, der aus dem ÖAAB kommt, sollte darüber wohl zweimal nachdenken. Wie man die dadurch entstandene Belastung des Budgets durch weniger Einnahmen ausgleichen will, das wird in dem angeblich so präzisen Wahlprogramm gar nicht erklärt. Hier ist wirklich etwas gelungen.

Titelbild: ROBERT JAEGER / APA / picturedesk.com

Daniel Wisser
Daniel Wisser
Daniel Wisser ist preisgekrönter Autor von Romanen und Kurzgeschichten. Scharf und genau beschreibt er, wie ein Land das Gleichgewicht verliert.
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36 Kommentare

  1. “Wer fällt auf denselben Trick zum neunten Mal hinein?”
    Ich versuch’s mal vorsichtig. Wer gerne darauf hereinfallen mag, der fällt darauf herein. Wer schon bisher darauf hereingefallen ist, ist gerne darauf hereingefallen. So sehe ich das.

  2. Nehammers ÖsterreichPlan ist nicht mehr als eine ganz billige Anbiederung an den ExRegierungskollegen Kickl.

    Nehammer (oder sein Phrasendrescher Fleischmann?) kann einfach nicht mehr als Abkupfern.

    Sein Österreich Plan ist nur eine Offerte an Kickl für eine gemeinsame Ausplünderung unseres Landes!

  3. Vor allem die die direkt von den Parteien profitieren, oder in deren Umfeld, oder durch deren vorausgegagngen Protektionshilfen ihr gesichertes Einkommen fröhnen, sind die die am meisten von einer blauen Regierung Angst haben.

    Vor allem haben sie Angst, dass sie dann genauso ungeschützt um ihr Überleben kämpfen müssten, wie die vielen anderen Menschen, welche vor allem in ihrer Verzweiflung nun die FPÖ wählen werden.

    Dass aber endlich auch diese Menschen geschützt werden, wie sie in einer rechtsstaatlichen liberalen Demokratie mit aufrecht gelebten Grund- und Freiheitsrechten schon lange geschützt bleiben müssten (nur als Beispiel die noch immer wüten könnendeTurboinflation und noch immer ohne Mietpreisbremse…) kommt ihnen weiterhin nicht einmal in den Sinn?

    So haben gearde aber diese sogar auch noch die Bemühungen über den Doskozil endlich die notwendige Basis für eine erfolgreiche SPÖ zu schaffen auch noch boykottiert…

    Gute Nacht Freundschaft…

    • Ich dachte schon Sie schreiben “Vor allem haben sie Angst, dass sie dann genauso ungeschützt um ihr Überleben kämpfen müssten, wie die vielen FPÖler, z.B. Taser-Harry Vilimsky” naja der hat sich auch wirklich schon viel geleistet in seinem Leben, wie die meisten FPÖler.

      • Es wäre wirklich interessant eine Aufstellung zu kennen, wie viel Prozent der FPÖ Wähler und wie viel Prozent der SPÖ Wähler in politisch geschützten Bereichen tätig sind?

        ZZ aber hat aber bei einer Grünen Regierung keine Förderungen erhalten? – Da kann es bei einer Blauen wohl nur noch bergauf gehen?

  4. Was den Standard betrifft: Seit Basti Kurz dem Standard 1,4 Mio an Presseförderung zugedacht hatte, ist diese Zeitung streichelweich.
    Der Standard ist sowieso zu einer Wischiwaschizeitung mit esoterischem Wohlfühlcharakter mutiert.
    Als Bezahlabo nicht mehr tragbar.

  5. Die ÖVP agiert nach dem Motto:
    „Wir sagen einfach das gleiche, wie die FPÖ und dann schau ma, wieviele FPler uns dann wählen.“

    Die ÖVP schafft sich ein Problem, wo eigentlich keines ist und bietet dann dafür eine Lösung die keine ist. Nimmt dafür aber in Kauf, dass an anderer Stelle daraus ein echtes Problem wird, für das sie dann auch keine Lösung hat.
    Die FPÖ lehnt sich zurück, lässt die ÖVP machen und erntet die Lorbeeren.

    https://www.hagerhard.at/blog/2022/12/kognitive-dissonanz/

      • Ja ist interessant, je mehr man die belügt desto glücklicher sind sie und das in allen Lebenslagen.

        • Das ist auch meine Erfahrung: je dümmer jemand ist, umso begeisterter ist er von dem, was er von sich gibt.
          Je dümmer die Ffensprüche, umso eher werden die Typen schenkdlklopfend gewählt. Man will ja endlich dazugehören.

  6. Kürzlich zu Gast bei A. Wolf: Eine Journalistin von der Süddeutschen, die Milborn und der Fleischhacker von Servus TV. Milborn und Fleischhacker fanden gar nicht, dass die FPÖ rechtsextrem wären. Das sei alles nicht so ernst gemeint was Kickl da von sich gäbe……. Die FPÖ wurde gar als staatstragende Partei dargestellt. Für die anwesende deutsche Journalistin war hingegen völlig klar, die FPÖ ist rechtsextrem und Rechtsextreme seien eine Gefahr für die Demokratie. Als Beispiel nannte sie namentlich Udo Landbauer. Zeigt das nicht sehr eindringlich wie unsere Medien ticken? A. Wolf schien während der Sendung im Zeitraffer gealtert zu sein, kein Wunder…..

  7. Eine “Randnotiz” meiner unerheblichen Wenigkeit zum Thema “Türkiswashing” in einem Exkurs in die Farbenlehre:

    Die Farbe Türkis ist eine Übergangsfarbe von Blau zu Grün und wird oft auch als Cyan (zB Schulz), Aquamarin oder Blaugrün bezeichnet. Nachdem die Farbe Türkis eine (additive!) Mischfarbe ist, vereint sie in sich auch alle positiven Eigenschaften der beiden Grundfarben Blau und Grün. Fazit: “Wäscht” man diesen Mischton also gründlich und oft genug heraus, bleibt schließlich “blau” übrig und brennende “grüne Themen” werden ver- / ausgewaschen… (sind fia’n Kanäuö…)

    Türkis wirkt beruhigend (kühlend) bis sanft belebend, kontrolliert und “heilt” unsere Emotionen. Die Farbe kann ebenfalls dabei helfen, wenn man in einem Trott feststeckt und nicht weiß, in welche Richtung man sich bewegen soll! (Genau so steht’s im Netz…) Aus psychologischer Sicht betrachtet, fördert Türkis durch die (Anm. behauptete) Fähigkeit, Empathie und Fürsorge zu erhöhen, die innere Heilung und öffnet die Türe zu spirtuellem Wachstum -> so wird’s dann also auch sofort ein wenig sektenhaft, im Idealfall dann katholisch.

    Damit das dann auch reale (pragmatisch lebbare) Konturen bekommt, darf die Farbe Schwarz in dieser Partei-Logo Komposition natürlich nicht fehlen. Für erhöhte Aufmerksamkeit, Erkennbarkeit damit (abgrenzende) Kontraste schaffend gerne auch polarisierend, ausgrenzend und moralisch dünkelnd wertend, damit auch ver-dunkelnd… (kathol. Pfaffen sind vorzugsweise schwarz bis dunkeldunkel gewandet, und nur ihr weisser PIUSkragen sollte auf immerhin auch dezente menschliche Zugehörigkeit hinweisen)

    Als Komplimentärfarbe ist Weiß ist eine gute Ergänzung zu Türkis. (Weiß in unserem Kulturkreis die Farbe der Unschuld, in vielen Kulturkreisen aber die Farbe der Trauer). Auch helles Gelb und dunkles Blau bilden mit Türkis ein harmonisches Gesamtbild.

    • Türkis ist eine unnatürliche Farbe. In der Natur gibts keine rein türkisen Blüten, die haben alle einen sehr deutlichen Blaustich. Türkis in Kombination mit Schwarz wirkt unangenehm, düster bedrohlich, Sektenhaft.

      • Tatsächlich? Ich mochte die Farbe noch nie, leider ist sie in der Farbpalette eine der Farben die mir am besten stehen…….😐 ein echtes Dilemma….aber das Vaupen Türkis ist ohnehin hässlich, irgendwie dreckig…

  8. Die ÖVP redet…..erzählt wieder einmal Gschichterln.
    Wieder ,wie früher , ein Parteiobmann von Landes Gnade. MiLei lächelt noch, ihr blauer Sängerknabe hingegen grinst mittlerweile breit. Das” Volk ” will Kickl.
    Am Ende bleibt die ÖVP in der Regierung, egal mit wem………
    Das ist das eigentliche Trauerspiel.

    • … sie werden sich zur Retter-Partei hochstilisieren, für moralinsauren Anstand, der vor Wickls’ Radikalität beschützen soll, um in diesem Land noch einen letzten Rest an wohlwollender Menschlichkeit “Für Uns” verbleiben zu lassen. “Darum glaubt an unser Österreich!” (Mit kopfverdrehtem Bundeswappen-Adler aus dem rechten ins linke Eck blickend)

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