Montag, Juli 15, 2024

Susi sucht die Leitkultur

Die ÖVP will wieder einmal dekretieren, was „Österreichertum“ ausmacht.

Vergangene Woche war auf den Chronikseiten über einen sehr erregenden Körperverletzungsprozess zu lesen. Angeklagt war eine Landwirtin, die ihren Mann verprügelt haben soll – nachdem sie ihn im Kuhstall beim Sex mit einer anderen erwischt hatte. Die klebrige Pointe, dass es sich bei der Anderen um eine „Melkhelferin“ handelte, durfte selbstredend in keinem Bericht fehlen. Die erboste Ehefrau wollte sich den Berichten zufolge zuerst auf die junge landwirtschaftliche Hilfskraft stürzen, die ihr aber flott entwischte. So soll sie ersatzweise ihren Mann mit einem Plastikschrubber traktiert haben. Deswegen ist die Gattin jetzt der Körperverletzung angeklagt. Man darf annehmen, dass dieser doch sehr belanglose Strafprozess mehr ein zärtliches Vorspiel zu dem Scheidungsverfahren sein dürfte, für das sich das baldige Ex-Ehepaar gerade aufwärmt.

Spitze Zungen meinen, diese Geschichte illustriert ziemlich genau das, was man sich unter „österreichischer Leitkultur“ vorzustellen hat.

Wobei die Anekdote auch wiederum zeigt, wie sehr diese „Leitkulturen“ im Wandel begriffen sind: Dass die Bauersfrau den untreuen Bauern verprügelt und sich unbarmherzig von ihm scheiden lässt, belegt, wie weit der Feminismus sogar schon in die Weidegründe niederösterreichischen Hornviehs Einzug gehalten hat.

Die ÖVP will jetzt wieder einmal eine „Leitkultur“ festschreiben, an die sich alle in Österreich halten müssen. Das ist eine große geistige Herausforderung, aber das Publikum ist voller Zuversicht, dass die damit betraute Susanne Raab diese in gewohnter Brillanz wird meistern können.

Leitkultur als Trennlinie

Man darf freilich auch vermuten, dass sich Raab und ihre Helfer die Sache nach ÖVP-Art möglichst einfachen machen werden, so nach dem Motto: Was uns gefällt, ist österreichische Leitkultur, und was uns nicht gefällt, ist nicht Leitkultur. Und wer nicht ist wie wir soll raus.

Was sich als Definition des Gemeinsamen tarnt ist wie üblich dann eine Operation zur Spaltung, zum Haderschüren, zum Aufganseln.

Betrachtet man die Sache auf gescheite Weise, dann ist „Leitkultur“ etwas, was es einerseits nicht gibt und andererseits natürlich schon gibt.

Das Wimmelbild Kultur

Wir leben in Gesellschaften, die in sich ausdifferenziert sind, in vielen Hinsichten: in Lebenskultur, ethnischer Herkunft, Werten, in Generationen, in Oben und Unten, in städtische, urbane Lebensweisen, in ländliche. Den einen gefällt mehr der Villacher Fasching (gut, das sind echt nur mehr wenige), anderen Helene Fischer, anderen Gablier, oder auch Esra Özmen, den nächsten wiederum Soap & Skin, RAF Camora oder Vodoo Jürgens, Bilderbuch oder Hansi Hinterseer. Wenn wir diese willkürlich angeführten Namen jetzt einmal als Marker nehmen, dann können wir annehmen, dass sich rund um diese Marker auch andere Lebenskultur-Aspekte gruppieren, also dass mit der Eigenschaft „XY hört gerne Gabalier“ häufig bestimmte Werte, präferierte Getränke, bevorzugte Filmproduktionen, Vorlieben für Sportarten und Ähnliches einhergehen. Die Betonung liegt auf „häufig“, was also heißt: Nur ja nicht übertreiben. Es geht dabei wahrscheinlich eher zu wie in einem unübersichtlichen Wimmelbild.

Gesellschaften haben historisch eine „Kultur“, die selbst nie homogen war, sondern eine Art Puzzle von Kulturen, aber die meisten „Nationalkulturen“ hatten sicherlich so etwas wie eine „Leitkultur“ im Sinne dominanter Mentalitäten, hegemonialer Höflichkeitsnormen oder von relativen Mehrheiten geteilte Sittlichkeitsnormen.  Sobald man versuchte, sie zu definieren, kamen meist unsinniger Kitsch und haarsträubende Klischees heraus. Schlimmstenfalls nationalistischer Pathos-Dreck.

Kulturelle Entwicklung

Schon diese „Kultur“ war natürlich der Wille von niemandem, sondern etwas, was sich im historischen Prozess und durch vielerlei wirre Impulse herausgemendelt hat, und auf die gleiche Weise vollziehen sich die Änderungen dieser Kulturen. Neue Impulse kommen dazu, es ist ein fröhliches und manchmal auch weniger fröhliches Pick-N-Mix, und heraus kommt etwas, was sich im besten Fall so beschreiben lässt: Es ist ein großes heterogenes Tohuwabohu, bei dem sich dann doch auch wieder ein bisschen Konsens, ein bisschen Homogenität, ein bisschen an Gemeinsamem, das viele verbindet, herauskristallisiert. Das ist dann eine Art von „Leitkultur“, die aber niemand verordnen kann, und schon gar nicht Susanne Raab oder Karl Nehammer, bei denen man bekanntlich froh sein kann, wenn sie bei den normalen, alltäglichen Regierungsgeschäften keinen gröberen Unfug anrichten.

Kurzum: eine Leitkultur gibt es nicht und es gibt sie zugleich schon, aber wie die heterogenen Impulse und Präferenzen vieler Einzelner sich zu allgemein akzeptierten, geteilten, auch nur einigermaßen homogenen Lebensweisen summieren, lässt sich weder dekretieren noch vorhersagen.

Kanzler oder Minister sollten ihre Finger davon lassen. Wir sind das Volk, das heißt: Wir machen unsere Kultur schon selbst, Susi hat Pause.

Vielleicht sollte man sich bei diesem Thema an die berühmte Metapher von der „unsichtbaren Hand“ von Adam Smith halten, dass sich die verschiedenen Willen der Vielen zu einem Ergebnis addieren, welches die Intention von niemandem ist.

Oder anders gesagt: Leitkultur? Der Markt regelt das.

Titelbild: Miriam Moné

Autor

  • Robert Misik

    Robert Misik ist einer der schärfsten Beobachter einer Politik, die nach links schimpft und nach rechts abrutscht.

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