Mittwoch, April 24, 2024

Susi sucht die Leitkultur

Die ÖVP will wieder einmal dekretieren, was „Österreichertum“ ausmacht.

Vergangene Woche war auf den Chronikseiten über einen sehr erregenden Körperverletzungsprozess zu lesen. Angeklagt war eine Landwirtin, die ihren Mann verprügelt haben soll – nachdem sie ihn im Kuhstall beim Sex mit einer anderen erwischt hatte. Die klebrige Pointe, dass es sich bei der Anderen um eine „Melkhelferin“ handelte, durfte selbstredend in keinem Bericht fehlen. Die erboste Ehefrau wollte sich den Berichten zufolge zuerst auf die junge landwirtschaftliche Hilfskraft stürzen, die ihr aber flott entwischte. So soll sie ersatzweise ihren Mann mit einem Plastikschrubber traktiert haben. Deswegen ist die Gattin jetzt der Körperverletzung angeklagt. Man darf annehmen, dass dieser doch sehr belanglose Strafprozess mehr ein zärtliches Vorspiel zu dem Scheidungsverfahren sein dürfte, für das sich das baldige Ex-Ehepaar gerade aufwärmt.

Spitze Zungen meinen, diese Geschichte illustriert ziemlich genau das, was man sich unter „österreichischer Leitkultur“ vorzustellen hat.

Wobei die Anekdote auch wiederum zeigt, wie sehr diese „Leitkulturen“ im Wandel begriffen sind: Dass die Bauersfrau den untreuen Bauern verprügelt und sich unbarmherzig von ihm scheiden lässt, belegt, wie weit der Feminismus sogar schon in die Weidegründe niederösterreichischen Hornviehs Einzug gehalten hat.

Die ÖVP will jetzt wieder einmal eine „Leitkultur“ festschreiben, an die sich alle in Österreich halten müssen. Das ist eine große geistige Herausforderung, aber das Publikum ist voller Zuversicht, dass die damit betraute Susanne Raab diese in gewohnter Brillanz wird meistern können.

Leitkultur als Trennlinie

Man darf freilich auch vermuten, dass sich Raab und ihre Helfer die Sache nach ÖVP-Art möglichst einfachen machen werden, so nach dem Motto: Was uns gefällt, ist österreichische Leitkultur, und was uns nicht gefällt, ist nicht Leitkultur. Und wer nicht ist wie wir soll raus.

Was sich als Definition des Gemeinsamen tarnt ist wie üblich dann eine Operation zur Spaltung, zum Haderschüren, zum Aufganseln.

Betrachtet man die Sache auf gescheite Weise, dann ist „Leitkultur“ etwas, was es einerseits nicht gibt und andererseits natürlich schon gibt.

Das Wimmelbild Kultur

Wir leben in Gesellschaften, die in sich ausdifferenziert sind, in vielen Hinsichten: in Lebenskultur, ethnischer Herkunft, Werten, in Generationen, in Oben und Unten, in städtische, urbane Lebensweisen, in ländliche. Den einen gefällt mehr der Villacher Fasching (gut, das sind echt nur mehr wenige), anderen Helene Fischer, anderen Gablier, oder auch Esra Özmen, den nächsten wiederum Soap & Skin, RAF Camora oder Vodoo Jürgens, Bilderbuch oder Hansi Hinterseer. Wenn wir diese willkürlich angeführten Namen jetzt einmal als Marker nehmen, dann können wir annehmen, dass sich rund um diese Marker auch andere Lebenskultur-Aspekte gruppieren, also dass mit der Eigenschaft „XY hört gerne Gabalier“ häufig bestimmte Werte, präferierte Getränke, bevorzugte Filmproduktionen, Vorlieben für Sportarten und Ähnliches einhergehen. Die Betonung liegt auf „häufig“, was also heißt: Nur ja nicht übertreiben. Es geht dabei wahrscheinlich eher zu wie in einem unübersichtlichen Wimmelbild.

Gesellschaften haben historisch eine „Kultur“, die selbst nie homogen war, sondern eine Art Puzzle von Kulturen, aber die meisten „Nationalkulturen“ hatten sicherlich so etwas wie eine „Leitkultur“ im Sinne dominanter Mentalitäten, hegemonialer Höflichkeitsnormen oder von relativen Mehrheiten geteilte Sittlichkeitsnormen.  Sobald man versuchte, sie zu definieren, kamen meist unsinniger Kitsch und haarsträubende Klischees heraus. Schlimmstenfalls nationalistischer Pathos-Dreck.

Kulturelle Entwicklung

Schon diese „Kultur“ war natürlich der Wille von niemandem, sondern etwas, was sich im historischen Prozess und durch vielerlei wirre Impulse herausgemendelt hat, und auf die gleiche Weise vollziehen sich die Änderungen dieser Kulturen. Neue Impulse kommen dazu, es ist ein fröhliches und manchmal auch weniger fröhliches Pick-N-Mix, und heraus kommt etwas, was sich im besten Fall so beschreiben lässt: Es ist ein großes heterogenes Tohuwabohu, bei dem sich dann doch auch wieder ein bisschen Konsens, ein bisschen Homogenität, ein bisschen an Gemeinsamem, das viele verbindet, herauskristallisiert. Das ist dann eine Art von „Leitkultur“, die aber niemand verordnen kann, und schon gar nicht Susanne Raab oder Karl Nehammer, bei denen man bekanntlich froh sein kann, wenn sie bei den normalen, alltäglichen Regierungsgeschäften keinen gröberen Unfug anrichten.

Kurzum: eine Leitkultur gibt es nicht und es gibt sie zugleich schon, aber wie die heterogenen Impulse und Präferenzen vieler Einzelner sich zu allgemein akzeptierten, geteilten, auch nur einigermaßen homogenen Lebensweisen summieren, lässt sich weder dekretieren noch vorhersagen.

Kanzler oder Minister sollten ihre Finger davon lassen. Wir sind das Volk, das heißt: Wir machen unsere Kultur schon selbst, Susi hat Pause.

Vielleicht sollte man sich bei diesem Thema an die berühmte Metapher von der „unsichtbaren Hand“ von Adam Smith halten, dass sich die verschiedenen Willen der Vielen zu einem Ergebnis addieren, welches die Intention von niemandem ist.

Oder anders gesagt: Leitkultur? Der Markt regelt das.

Titelbild: Miriam Moné

Robert Misik
Robert Misik
Robert Misik ist einer der schärfsten Beobachter einer Politik, die nach links schimpft und nach rechts abrutscht.
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42 Kommentare

  1. Es gibt keinen anderen Grund für ein Vorhaben von “Leitkultur” als Messlatte zum Aussortieren von Menschen zu generieren. Das ist das letztendliche Ziel. Für alles andere ist dieses Vorhaben sinnlos.

    • Wimmelbilder -> Standbild -> Leitbild -> Leitkultur -> VOLKSgesundheit -> Rassentheorie -> Rassenlehre -> Kulturbereinigung -> entartete Kunst -> Bücherverbrennungen -> Progrome -> Umerziehungslager -> konzentrierte Umerziehungslager -> Remigration -> Deportationen…

      versus

      Apokyphische Evangelien <- Auferstehung <- Auferweckung <- Apokalypse <- Maranatha <- Massensterben <- Artensterben <- Pesti- / Fungi- / Herpizide <- Monokultur(en) <- VOLKSgesundheit <- Entnaturierung …

  2. Susanna Raab verfasst ein kulturelles Leitbild? Wahrscheinlich inspiriert und zugeschneidert von und auf ältere weiße Männer und Schachteln. Nun wartet alles gespannt darauf dass Plakolm ihre Generation versorgt mit delikat traditionellen Wertvorstellungen.

  3. Dass gerade die Unfähigsten uns ihre Art von “Kultur” azus Aug drücken wollen, sagt einiges über ihren dummen Größenwahn aus.

  4. Kommt nach der Message Control jetzt die Mind Control? Gleichschaltung wie beim russischen Zaren? Heißt bei der ÖVP halt nur Leitkultur statt Diktatur.

    • Genau das ist es. Auch in RU heißt die Diktatur nicht Diktatur sondern Demokratie. Ich würds ja noch spitzer formulieren: Nachdem ein Ariernachweis nicht mehr durchgeht bei der Bevölkerung, versucht man über Leitkultur dieselben Effekte zu erzielen, nämlich auszusortieren.

  5. Vielleicht kann die Kathi Nehammer der Susi helfen eine Leitkultur zu definieren! Mehr schreibe ich besser nicht dazu!
    Zumindest wie man sich bei Geburtstagsfeiern mit Beamten richtig verhält…

  6. Alleine das Wort Leitkultur ekelt mich an. Was soll das sein, Kultur die mich leitet ?Leitkultur ist nur ein anderes Wort für Einschränkung und Bevormundung, Prediger, A.H.-Kultur, Diktatur bzw. Goschn halten, sprich Faschismus.

    • Stimmt, ich brauch auch keine Kultur “die mich leitet”, schon gar nicht von solchen Leuten. Nein Danke, da gibts für mich bessere Menschen an denen ich mich orientiere. Die sollen einmal zusehen, dass sie ihren Saustall ausmisten, bevor sie sich anmaßen andere Menschen “anleiten” zu wollen.

  7. @AntonYm
    Sind herausfordernde Zeiten…..da reagiert man manchmal vielleicht etwas zu sensibel.
    Alles gut…..

  8. Da sollte die Susanne Raab aufpassen, dass sie nicht die Leitkultur der ÖVP irrtümlich veröffentlicht:

    Wähler täuschen, Spender bevorzugen, Justiz beschimpfen, Untersuchungsausschüsse torpedieren, Postenschacher ermöglichen, Gesetze umgehen, Verfahren derschlogn, usw. usw.

    • Freundlicher Vorschlag: Bleiben wir beim Thema zu Misiks’ Artikel.

      Hier ein plakativer Abriss “mittig” insistierter Leitkultur-Umtriebigkeit, wo regional fokussierte, kleinbäuerlich Bio-landwirtschaftliche Infrastrukturprojekte als erweiterte, zeitgemäße Konkurrenz zur Molkereigenossenschaftssyndikaten gnadenlos aus dieser medial torpediert werden. So sieht’s jedenfalls auch das ebenfalls konservativ gepolte Ausland:

      https://www.wochenblatt-dlv.de/politik/molkerei-fuer-biomilch-burgenland-kritik-millionenplaenen-575825

      • @AntonYm
        Ich mag Deine Verse, Deine Postings….
        Ich mag aber keine Bevormundung, sei sie auch noch so freundschaftlich gemeint.
        Ich schreibe bzw. verlinke was ich gerade so für interessant halte. Sollte dies nicht passen, bin ich überzeugt, dass ZZ mich das wissen lässt.

        • Calm down, fellow. Lese bitte noch mal “Vorschlag zum Thema” und keine Richtung gebende Bevormundung. Den Bogen spannte ich gerne zu deinem Posting mit dem kritischen Burgenland-Bezug und erweitere es nun mit “unverbindlichen” Vorschlag. Alles gut, hoffentlich? Poste, was immer dir gefällt. Peace 😎

  9. Vielen Dank für diesen Imho glänzend sarkastisch ausdifferenzierten Artikel!

    Möglicherweise ist’s ja so wie es agrarwirtschaftlich unterm Vaupen Monopol in konservativer “Kernkompetenz” gerne präferiert bis generös (natürlich datenschutzrechtlich argumentiert intransparent) subventioniert wird:

    Monokulturen sind ökonomischer (unternehmensgewinnträchtiger) zu bewirtschaften als mühsam gepflegte Biodiversität. Das Problem – und nicht nur biologisch argumentiert – ist, dass überwiegend homogen strukturierte Organismen / Strukturen vulgo Leitlinien treue Gesellschaften weniger resilient also krisen- und krankheitsanfälliger gegen äussere und innere Störeinflüsse sind, als in ihrer Artenvielfalt pluralistisch emergend kultivierte. Ziehen wir in dieser Analogie hier noch das Faktum heran, dass dem Klimawandel u.v.a. Maßnahmen mehr – zB Pflanzungen von CO2 bindenden und O2 produzierenden Bäumen in globalen Giga-Dimensionen zur überlebenswichtigen Dekarbonisierung – auch durch eine planvoll durchdachte Rückkehr zum ökologisch sinnvoll strukturellen Rückbau in eine biodiversitär orientierte und überlebensfähig be- und entlohnte Landwirtschaft organisiert beizukommen wäre. Was die konservative EVP in Brüssel kürzlich allerdings medial auffällig betont beeinspruchte (um die blendend global ökonomisierten Agrargenossenschaftskartelle in ihren vernetzten, gewinnorientierten Geschäftsmodellen auf (Mehr!)Kosten der allgemeinen Volksgesundheit nicht zu beeinträchtigen), scheint es derselbe ideologisch bebaute (betonierte?) “Tunnelblick” zu sein. Kulturell uniform Leitbild gerichtete, seggregierend linentreue Gesellschaften lassen sich im Übrigen situationselastisch auch weniger aufwendig in beliebige Richtungen “flekschibel” manipulieren. Was den Hintergrund dieser neoliberal, reaktionär revisionistischen Umtriebe hierzulande und eigentlich aktuell eh überall auf der Welt schlüssig erklärt.

    In die kreislaufbasierte Natur sehen, um sich analoge Lösungsmöglichkeiten (intelligente ökonomische Bionik) zum Ausstieg aus linear gerichteter menschenverursachter Planetenzerstörung demütig abzuleiten und zeitgemäß (weil denk- UND technisch möglich) heraus zu entwickeln? Nö. Nicht mit uns, den Konservativen. Wir denken nicht (weiter), wir beten lieber im Prinzip Hoffnung. Wir haben 2 Götter: Den einen, den wir 24/7 anbeten, den Mammon (übrigens auch hebräischer Herkunft) und den anderen Katholischen (christlich-sozial verkauften) sonntags in der Kirche, der uns im ÖSI-Land auch das Mindsetting in den Medien breitflächig bewirtschaftet und besorgt…

    Also! Es gilt daher, dass sich jede/r nun einen autarken Eigenversorgerhof in innerbetrieblicher Kreislaufwirtschaft organisiert! Kein einziger wird dem anderen auf’s Haar gleichen… Mühsam aufwendiger wird’s halt aller Orten dafür werden… /s

    • VP Leitbild:
      Feuerwehrheurige, Schützenfeste, keine Leserbriefveröffentlichungen im Bezirksblattl, angebundener Bleistift in der Wahlzelle, Postenschacher, keine beunruhigenden Artikel in den gekauften Schmierblattln, gekaufte Meinungsumfragen.
      Einlullen um jeden Preis, um das Volk für deppert zu verkaufen. Babyelefant und Nikolaus im Kindergarten.
      Hass auf das politische Gegenüber, wie das rote Gsindel, die roten Gfrieser. Lügen, dass es den Weinfässern den Boden raushaut. Alles Geld den Reichennjnd Spendern. Boden zubetonieren. Alles dem Mammon unterordnen.
      Scheißdemokratie.
      Über mehr will ich gar nicht nachdenken, sonst steigt mir noch mehr der Gizi auf.

  10. Doch , es gibt eine Leitkultur in diesem Land. Das ist die Neidkultur. Neid ist in Österreich überproportional angesiedelt und oft schuld an politischen Irrwegen.

    Wieviel Neid herscht bei ca. 30% der Wahlbetechtigten?

    • Da hast wieder mal den Nagel auf den Kopf getroffen. Ich persönlich würds noch mit Neid und Missgunstkultur ausweiten. 😉

      • … könnte es aber auch sein, dass ihr alle, die ihr da oben gepostet habt, euch so unendlich überlegen fühlt, versus Leuten, die eben gerne auf Feuerwehrfeste, in den Schützenverein und zum Gabalier Konzert gehen?

        So war ich früher auch einmal – übrigens, man ist doch aber lernfähig …?

        Naja – ich bin schon verdächtig – schließlich gehe ich jedes Jahr zum Funken.

        (was sagt Misik eigentlich zur peruanischen oder arabischen Leitkultur im Umgang mit Ehebruch?)

        • Überlegen fühlen? Würd sagen dass es mir zusteht, (in welcher Form auch immer) auszudrücken aus welchem Grund ich mich nicht an Volksverblödungsevents beteiligen möcht. Außerdem kann so ein Gabalier, der alles anpatzt was sich nicht auf seinem geistig reaktionärem Niveau befindet, kaum erwarten dass er keinen Gegenwind erzeugt. Auch wenns seiner Fankultur nicht schmeckt.

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