Mittwoch, April 24, 2024

Randnotizen: Abschied von einem Großen

Karl-Markus Gauß beendet seine Kolumne in der Süddeutschen Zeitung. Seit 2016 hat er – ein Schreibender, Lesender, Denkender, aber auch ein die politische Gegenwart Kommentierender – die Zeitungslesenden in schwierigen Zeiten mit scharfen Beobachtungen und Formulierungen bereichert. Nun nimmt er unsentimental Abschied.

»Denn ich glaube immer noch, dass der Grundsatz gilt, dass das Recht der Politik zu folgen hat und nicht die Politik dem Recht.« Mit diesem Zitat hat Herbert Kickl im Österreichischen Nationalrat gezeigt, dass er die Sätze der ganz Großen stets parat hat. Er zitierte nämlich sich selbst. Ich glaube, dass er von seiner Aussage überzeugt ist, aber in dieser Kürze etwas vergessen hat: Für ihn und seine Vorgänger gilt und galt auch der Grundsatz, dass die Medien der Politik zu folgen haben. Die heutige ÖVP hat das der FPÖ abgeschaut und umgesetzt.

Heute bedroht die mehrheitlich instrumentalisierte Presse unsere Demokratie. Die Angst vor der Politik hat es hier besonders leicht, denn Österreich ist ein Land, in dem jeder davor gewarnt wird, seine Meinung zu sagen. Zu widersprechen ist in diesem Land eine Beleidigung, anstatt eine Bereicherung. In Österreich ortet man in klaren Standpunkten taktische, wenn nicht parteipolitische Absichten. Die Idee, dass der Einzelne sich – besonders in Zeiten der Erosion von Demokratie, Pluralismus und Aufklärung – seiner Haltung zu vergewissern hat, erscheint der Mehrheit provokant. Um so klarer sieht es der Denkende. In seinem Buch Abenteuerliche Reise durch mein Zimmer, schrieb Karl-Markus Gauß:

Auch wenn ich oft mit ihnen zu kämpfen hatte, bin ich froh, meine Glossen, Kommentare, Kolumnen geschrieben zu haben […] Und nur indem ich sie schrieb, habe ich über das, worüber ich schrieb, jene Klarheit gewonnen, die durch bloßes Nachdenken zu erreichen mir nicht gegeben ist.

Im Mai dieses Jahres wird Karl-Markus Gauß siebzig Jahre alt. Er wird sich – hoffentlich – einen Dreck darum scheren, wie man seine Kommentare, seine Aufsätze, seine geschriebenen und seine ungeschriebenen Bücher einordnet. Auf jeder Ebene ist er Dialektiker und hat im Sinne des Musilschen Möglichkeitssinns auch die von der Wirklichkeit geweckten Möglichkeiten politisch und ästhetisch gelten lassen und beschworen. So schreibt er in oben genanntem Buch:

Das ungeschriebene Buch trägt den Arbeitstitel »Alle meine Bücher, die ich nicht mehr schreiben werde«, was immerhin zweierlei festhält: dass ich nicht mehr dazu kommen werde, sie zu schreiben, und dass ich sie trotzdem für meine Bücher halte. Sie haben den gleichen Einfluss auf mich wie jene, die ich fertiggestellt und veröffentlicht habe, denn jeder von uns ist auch der Mensch, der nicht aus ihm geworden ist, und was ein Autor zu schreiben unterlässt,  das charakterisiert ihn nicht weniger als das, was zu schreiben er sich genehmigt hat.

Eine Sache anders zu denken, das ist auch für die Idee der Demokratie unerlässlich. Das Anders-Denken zuzulassen ist Demokratie, und damit ist klar, dass Politik dem Denken folgen muss und nicht umgekehrt, wie es Autokraten oder angehende Autokraten gerne hätten. Auf Seite 5 der Süddeutschen Zeitung von Sa/So 23./24. März schreibt Gauß in seiner letzten Kolumne:

Robert Musil hat im »Mann ohne Eigenschaften« über den »Möglichkeitssinn« gegrübelt […] Solchen Möglichkeitssinn muss Putin als lebensbedrohlich empfinden: für sich selbst, denn ein Despot kann nicht in Rente gehen, sondern muss, um zu überleben, innere Feinde eliminieren und äußere Feinde finden, die zu bekämpfen sein Daseinsrecht bedeutet. Und lebensbedrohlich für das Reich, das er mit sich selbst identifiziert und das anders nicht einmal gedacht, erträumt werden darf.

Wir werden Karl-Markus Gauß’ Kolumne vermissen. Aber wie es seiner Weisheit entspricht, verabschiedet er sich unsentimental und aus dem schier unglaublichen Universum seiner Belesenheit schöpfend mit zwei Zeilen des Rebellen und Dichters Ferdinand Sauter:

                                   Deshalb, Wanderer, zieh doch weiter,

                                    Denn Verwesung stimmt nicht heiter.


Titelbild: ROBERT JAEGER / APA / picturedesk.com

Daniel Wisser
Daniel Wisser
Daniel Wisser ist preisgekrönter Autor von Romanen und Kurzgeschichten. Scharf und genau beschreibt er, wie ein Land das Gleichgewicht verliert.
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18 Kommentare

  1. Danke, Hr. Wisser für solche gedankliche Prinzipien einer pluralistischen Meinungsäusserung im operativ journalistischen Nachruf geframet. Ich teile diese Philosophie im (banalen, zivilen) persönlichen Lebensprinzip aus einer Begegnung ggf. möglichst “mehr” mitzunehmen als in kommunikative hinzubringen. Auch wenn komplett kontroverse Weltbilder im Umgang miteinander sich als anstrengend bis unpackbar erweisen können, gilt es trotzdem, wenigstens “eine Lektion” daraus ins eigene Leben dann weiterzutragen, günstigenfalls adäquat zu adaptieren. Humor und Kommunikation halten diese Welt (noch) in weiten Teilen zusammen. Politik (fast schon bis ganz hinunter in die lokalen Niederungen, wo kooperative Zwischenmenschlichkeit essentiell noch passieren muss) und “Socials” im Überbau digitaler Dimension im 21. Jhd. tendieren aber dazu, reine ausgrenzende, ideologisierte Parteilichkeit in vorgegaukelt indivualisiertem Zuschnitt subjektiver Meinungsblase zu generieren, persönliches Weltbild vorgeblich unerschütterlicher, im Zeitgeist triggernd trendiger, gleichzeitig aber emotionalisiert verletztlicher gegen äussere Erschütterungen auszuformen. Je subkutan gewiefter das im Storytelling passiert (SNU), Fake News bis KI Deep Fake, desto bequemer können hintergründige Zusammenhänge dort bleiben, wo sie im Wortsinn zu verorten sind. Manche Hintergründe erlauben nämlich keine zivilen Vordergründigkeiten. (siehe Pilzen’s aktuelles Projekt zum redlichen Aufdeckerjournalismus). Wird die Wahrheit hinter Manipulation versteckt, wird solidarische Systemik endsolidarisierend, also zerstörend. Demokratie zur Autokratie, damit soziale Innovationen verhindert, evolutionär generationsübegreifender menschlicher Fortschritt in eine inhumane Barbarei regressiert.

    • Nachtrag: Und wie es um hiesige pluralistische Zustände steht, weisst als (zahlender) Konsument spätestens dann, wenn du am Salzburger Vorwahlabend 5 meinungsbildende Chefredakteure im ORF3 Bildungsfernsehen sitzen hast, welche die rote-dunkelrote Wahl-Abschluss-Konferenz in kooperativem Flair rational vernünftig gehaltenen Duktus als geradezu “verstörend” empfanden, so dass “man als (subventioniert korrumpierter) Medienverantwortlicher aktuell gar nicht mehr wisse, wie man mit seiner solchen UNprofilierten Kommunikationsmasche umgehen solle”, dass rot-dunkelrote Politik als Mikropolitik keiner erwartbaren politischen Qualität mehr zuzuordnen sei, und keinesfalls staatspolitsch tauglich sein könne. “Wer bestimme dann kakanisch wohlgelernt, wo und wie es lang gehen sollte? Wo ist die inzwischen ans Herz gewachsene “Message-Control”, an die wir uns schon so gern für den indifferenzierten Inhalt gewöhnten? (Mit anderen Worten: Uns fehlten die Gehässigkeiten, diffamierenden Anfeindungen, Behauptungen, Unterstellungen und Ausgrenzungen im verbalen Abtausch. Wo bleibt da die gewöhnte Hetze, realitätsferne Überspitzung and präpotente Anmaßung im österreichischen Demokratieverständnis ab mitterechts jubelnd unters Volk zu hetzen??)

      • Bei uns herscht einfach eine unbegreiflich Angst vor Links. Das ist sagenhaft.
        Bei Rechts hingegen sind viele viel toleranter.
        Oh Du mein Österreich…….

        • Wenn der reaktionär konservativ vernetzte “Fascho-Deep-State” vor etwas “Angst” haben muss, dann von links… 😉

          • So ist es! Desweg’ hams se si schon seit immer vor de klan Haschler gfiacht, de an Harmlosigkeit net zu überbieten worn und wos um original goar nix gaungen is.. Oba bei denen wurde spannenderweise immer am härtesten durchgriff’n so laung des nu gaungen ist. Do woar si Politik,Justiz und Exekutive erstaunlich einig.

        • Samui 13.12 – Der Unterschied ist? In Bayern wird die sZ geschätzt. Bei uns würde sie bekämpft werden. Man hat beim Standard und Profil gesehen wohin das führt

          • Der Standard ist mittlerweilganz schön stromlinienförmig.
            Was so eine Presseförderung vom Wasti alles bewirken kann.
            Btw, wo isser denn, der Wasti, und der Sobo?

          • @lehmann und Bastelfan

            Ja der Standard ändert sich immer mehr.
            Stammposter werden gesperrt…man muss genau überlegen wie man schreibt.
            Und natürlich SPÖ Bashing…….
            Aber ich lass mich da nicht beirren.

        • Samui 13.12 – Es ist wsl. weil besonders unsere Lemminge es den “Anderen” – meist Linksstehen durchaus zutrauen dass sie ihr erbärmlich horizontarmes wie bequem feiges Dasein durchschaun. Bei den schwarzen Politikerin siehts nicht anders aus.

          • @lehmann
            Ich wohne ja ziemlich ländlich in NÖ. Hier herscht das Giebelkreuz und in vielen Kellern das Hakenkreuz. Grüne sind Hascher und Rote a Gsindl. Neos werden von jungen Giebelkreuzlern manchmal gewählt. Über die KPÖ wird erst gar nicht gesprochen.
            Links ist für meine Mitmenschen hier extrem, ohne wenn und aber. Rechts wird toleriert und auch gewählt…. ” weil da Kriag is laung her”..

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