Freitag, Mai 17, 2024

Randnotizen: Das Märchen vom Einzeltäter

Mit Attacken auf Politikerinnen und Politiker erlebt die Radikalisierung konservativer und rechter Politik ein neues Niveau. Die Reaktion: Die Gewalttaten werden verharmlost. Oft wird von einer »Radikalisierung rechts und links« gesprochen. Das ist ebenso unrichtig wie das Märchen vom »Einzeltäter«.

Man sollte meinen, es muss nicht mehr diskutiert werden, wenn derart geschieht: SPD-Wahlkämpfer Matthias Ecke wird krankenhausreif geschlagen. Franziska Giffey (SPD) wird von einem »Beutel mit hartem Inhalt« auf dem Kopf getroffen. In Dresden treten aus einer Gruppe, die den Hitlergruß erbietet, ein Mann und eine Frau und attackieren die Grünpolitiker Yvonne Mosler und Cornelius Sternkopf. Täterin und Täter bleiben auf freiem Fuß.

Man sollte meinen, es sei klar, woher solche Attacken kommen. Doch weit gefehlt. Die Reaktionen darauf sind symptomatische Verharmlosungen. Sie generalisieren die Gewalt, die von rechts kommt, anstatt sie genau zu benennen.

Die Behauptung, Gewalt nehme links und rechts zu, exkulpiert Rechtsextremismus. Und es ist geradezu himmelschreiend, welche Vergleiche hier gezogen werden. Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung reiht in die Aufzählung der jüngsten Attacken gegen Politikerinnen und Politiker folgende Zeilen:

Doch auch für die Oppositionspartei AfD sind Attacken im Wahlkampf keine neue Erfahrung. Im September drangen vor der hessischen Landtagswahl Unbekannte in die Garage des Frankfurter Parteivorsitzenden Andreas Lobenstein ein, beschmierten sein Auto und zerstörten mehr als 100 Wahlplakate. Die Farbe habe sich entfernen lassen, aber der Versicherungsschaden sei auf 11.000 Euro geschätzt worden.

Ein Auto zu beschmieren ist wohl in Deutschland weit schlimmer, als jemand krankenhausreif zu schlagen oder den Hitlergruß zu zeigen. Die Süddeutsche bringt eine Meldung der dpa, in der Thüringens Verfassungsschutzpräsident Stephan Kramer zitiert wird:

„Es ist eben nicht nur von rechts, sondern eben auch von links, wenn wir uns anschauen, wie Linksextremisten gewalttätig gegen Akteure aus dem rechten Spektrum vorgehen“, sagte Kramer im ARD-„Bericht aus Berlin“ am Sonntag.

Bereits die ersten sieben Worte verharmlosen und relativieren rechte Gewalt. Diese Gleichsetzung ist ein Hohn. Der zweite Schritt ist dann, den Täter zum Einzeltäter zu erklären und das politische Milieu, aus dem er kommt, auszuklammern. Andreas Speit analysiert am 11. Mai 2024 in der taz die symptomatischen Reaktionen so:

Schnell werden die Täter – überwiegend männlich – zu Einzeltätern erklärt. Sie alle sind jedoch, wie der Attentäter aus Halle und in Hanau, in eine Hass-Community eingebettet, die zur Tat antreibt. Ein Vorbild dieser internationalen „White Supremacy“-Szene ist der Attentäter, der in Neuseeland 51 Menschen hinrichtete.

Und wie er richtig feststellt, alarmiert der gegenwärtige Gewaltanstieg anscheinend niemand:

Statistisch werden pro Tag in Deutschland 117 rechtsextreme Taten verübt. Ein Terror, der bisher kaum aufschreckt. Der rechte Terror beginnt aber nicht erst, wenn geschlagen oder geschossen wird, er beginnt, wenn Menschen ihr Leben aus Angst umstellen. Und Wahlkämpfende sich überlegen müssen, wie sie sich schützen.

Daniel Wisser
Daniel Wisser
Daniel Wisser ist preisgekrönter Autor von Romanen und Kurzgeschichten. Scharf und genau beschreibt er, wie ein Land das Gleichgewicht verliert.
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28 Kommentare

  1. “Ein Eierwurf gegen einen AfDler ist schlimmer als ein fast totgeprügelter SPDler. Merkts euch des amoi!” Nach dieser Logik wird auch in allen sozialen Netzwerken operiert. Es sind Einsatz-Argumentarien, die vorbereitet aufliegen und dann in die Welt gepustet werden. Ja, da stecken Netzwerke dahinter, bösartige Netzwerke, die das demokratische Leben vernichten wollen.

    Damit dieser Unsinn durchgeht, bedient man sich der Allgemein-Ebene, dann fällt das nicht so auf: Gewalttat! Alles, was jemals vorgefallen ist, wird unter dem Überbegriff behandelt. Ein zerschnipseltes Wahlplakat steht als Gewalttat dann auf der gleichen Stufe wie ein krankenhausreif geprügelter Politiker.

    Was sagt das über den Journalismus? Man muss es schon auch mal klar sagen: Nach dem Aushungern der investigativen und recherchierenden Redaktionen, sind da nicht mehr viele. Die, die in den Redaktionen sind, sind oft schlecht bezahlt (gerade über der Geringfügigkeitsgrenze, damit sie versichert sind). Die fähigeren Köpfe tun sich das nicht mehr in ausreichendem Ausmaß an und fassen in anderen Bereichen Fuß (in vielen Fällen in der Politik als PR-Leute zum Beispiel), sodass sie auf der zudeckenden Seite der Meinungsbildung stehen anstatt auf der aufdeckenden Seite, wie es für eine Demokratie sein sollte. Um es auf den Punkt zu bringen: Das sind nicht mehr die hellsten Kerzen auf der Torte, die solche “Kommunikationstricks” wie Gleichsetzung durch Überbegriffe durchschauen (können). Man kann ihnen keinen Vorwurf machen, wenn ihnen die Potenz dazu fehlt.

    Gleichsetzung durch Überbegriffe: Das macht RU auch in seinem Kommunikationskrieg. Wenn die Ukraine Ölfelder angreift, RU aber Fernwärmeanlagen zerstört, so spricht RU von einer “Eliminierung der Energieinfrastruktur”, schon steht die Ukraine mit RU auf der selben dreckigen Stufe (im Kopf), obwohl die Ukraine den militärischen Nachschub angreift, RU aber die Menschen terroririsiert. Und um es nicht in Vergessenheit geraten zu lassen: Es war der Lieblingstrick des Großkotzkanzlers Kurz ebenso.

    • | Das sind nicht mehr die hellsten Kerzen auf der Torte, die solche “Kommunikationstricks” wie Gleichsetzung durch Überbegriffe durchschauen (können). Man kann ihnen keinen Vorwurf machen, wenn ihnen die Potenz dazu fehlt. |

      Es sind down gegradete “Wasserträger*innen”, um begrifflich in den Straßenradrennsport zu analogisieren. Wasserträger*innen, die zunehmend indifferent radikalisierte Narratative transportieren, übersetzen, interpretieren, ggf. verstärken -> im Ibiza-Duktus *zack-zack-zack* im Mainstream in Beschäftigung gebracht wurden…

        • Versuchen wir es in eine (gewagte) Meta-Ebene zu “liften”: Setzen wir die gegenwärtig globalen Tendenzen vielleicht mit einem Krebsgeschwür gleich, das unkontrolliert exponenziell wuchert und metastasiert. Eine Diagnose, die der Organismus in globaler Schwarmintelligenz bereits erwartete. Vielleicht soagr intuitiv. Junge Generationen sehen in überwiegender Mehrheit eine verminderte Wahrscheinlichkeit, eine “Verbesserung” ihrer (über)lebensumstände zu verbessern. Die Älteren realisieren, dass ein verantwortlicher Generationenvertrag aus eigenen (blinden)Versäumnissen heraus fast oder nur mehr sehr schwer einzuhalten ist. (100 reelle Beispiele an den Zukunftspessimismus hier anzuführen, ginge zu weit.) Entscheidungstragende Eliten geben (noch) keine zufriedenstellenden Antworten auf ultimativ eingeforderte Lösungsansätze zur gesamtgesellschaftlich kulturellen, wie auch biologischen Resilienzentwicklung. Im Gegenteil, Nationalismus, Neoliberalismus, Radikalismus und gestrige Engstirnigkeit möchten “Besitz” und damit Abhängigkeitverhältnisse verteidigen – und noch ausbauen. Ein “Antibiotikum” steht in absehbaren Zeitdimensionen (noch) nicht zur Verfügung. Der Gesamtorganismus “Erde” arbeitet zu träge. Resignation wird mit radikalisierter Ohnmacht bzw. kulturellen / ideologischen Egoismus übertüncht… Es bleibt mMn zu hoffen, dass alternativ die noch unüberschaubaren Möglichkeiten der KI, digitale Mustererkennung globaler Komplexität realistisch interpretiert als ein möglicher potenziell hermeneutischer Lösungsansatz abgeleitet in eine effektive Wirkung gebracht werden kann, um das Pendel mittelfristig wieder in die Richtung eines überlebensgerichteten, also global solidarischen Zweckoptimismus zu drehen…

  2. Ja die Mähr vom Einzeltäter……
    Schweizer Linksextreme solidarisieren sich mit ihr: Hammerbande zertrümmert Schädel
    Brandanschlag auf KFZ der Mutter eines AFD Politikers
    AFD Politiker verprügelt (namens Jurca)
    Brutaler Angriff auf Sohn von AFD Politiker Lutz Büttner (Dessau) schwer verletzt
    (noch mehr?)

  3. Die Gewalt welche durch offensichtlich kriminelle Organisationen unter dem perfiden Missbrauch des Staates, auf Menschen in Österreich ausgeübt wird und weiter ohne einer Möglichkeit dagegen ausgeübt werden darf, ist und bleibt auch weiterhin unsichtbar:
    https://www.tabularasamagazin.de/author/schuetz_johannes/

    Das was in Österreich dazu abgehen konnte und weiter ohne einem Problem dazu, oder ohne dass sich die Betroffenen dagegen wehren könnten abgeht, würde ich schon als eine Art perversen Faschismus bezeichen wollen?

  4. Es gibt massive Gewalt der Rechtsextremen. Und es gibt genauso die Gewalt von Gruppen, die sich selbst als Antifa und links bezeichnen. Speziell in Berlin und in Paris haben sich solche angeblichen Antifas auch gegen Gruppen und Demonstrationen der Massnahmengegner gewandt, in Berlin z. B. mit Drohplakaten wie “Wir impfen euch alle” und ähnlich. In Paris sind im Zuge der Anti-Corona-Massnahmen-Demos sogar zwei grosse Gruppen von Antifas aufeinander losgegangen, beide unter der Aussage, nur sie seien die richtigen linken Antifas.
    Die Medien bezeichnen das halt als Gewalt und Extremismus von links. Ich wehre mich dagegen, solche Schlägertypen und Randalierer als links zu bezeichnen, nur weil sie es selber tun.
    Daniel Wisser sieht halt nur das, was er sehen will. So ein wenig Pippi-Langstrumpf-Denken.
    Eine linke Bewegung, die Erfolg haben will, muss sich auf die breite Unterstützung des Proletariats aufbauen, nicht auf randalierende, vermummte Schläger.

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Denn: ZackZack bist auch DU!