Sonntag, Juni 16, 2024

Postpartale Depression

Österreich ist ein Land, das traditionell eher nach rechts der Mitte tendiert, es ist gern konservativ, gern ein wenig ängstlich. Wer auf dieser Ängstlichkeit Rattenfängertöne flöten kann, kann sich der Aufmerksamkeit gewiss sein.

Nun sind die Zahlen an der Wand gut sichtbar. Sie sind gewogen, gemessen und gewählt worden. Die Freiheitlichen auf Platz eins. Die ÖVP auf Platz zwei. Die SPÖ auf Platz drei, danach die Grünen (mit jetzt erst recht) und die Neos, verdient zweistellig. Man möge die Wählenden nicht für dumm erklären, wurden sofort die Stimmen laut. 

Geringe Wahlbeteiligung, hohe Ignoranz

Die Wählenden zeigen ja nur, was sie wollen. Nach derzeitiger Betrachtung haben nur 55,8% der Wahlberechtigten gezeigt, was sie wollen. Das ist verdammt wenig. Das ist erschreckend wenig. Und von denen, die es gezeigt haben, hat sich das Wahlvolk zumindest prozentuell gesehen dazu entschieden, eigentlich Putin mitzuwählen, denn dieser befindet sich hochprozentig hinter der Trachtenjankerschicht, die in blauem Lack erstrahlt. Das Programm: gegen alles, für die eigene Tasche. Brieftasche, Sporttasche, alles ist möglich. Als ob die FPÖ nicht mehrfach gezeigt hätte, was sie kann: Kärnten war bekanntlich schon einmal Pleite. An den Skandalen der Kurz/Strache-Regierung würgt die Republik noch heute. Bundesadlergekröse vom Feinsten. Die Patientenmilliarde war natürlich auch nicht ganz so toll für Milliarden Patienten. Das Leben wird teurer. In jeder Hinsicht. Und das alles: vollkommen egal.

Parallelwelt der Desinformation

Wer als Systemgünstling unflätig auf die „Einheitssystempartei“ losgeht, um sich so ins System zu integrieren, dass das Füllhorn über dem eigenen Kopf niemals leer wird, hat eine besonders schöne Pirouette hinlegen können. Nun gut. Die ÖVP, die den Schmiedl gab, ist zweite nach dem Schmied geworden. Und die SPÖ? Durchwachsen. Ja, die Türkisen haben im Vergleich die meisten Stimmen verloren, und die Roten nur 0,6%. Ja, die drei Parteien sind eigentlich fast gleichauf. Das öffnet neue Chancen für den Herbst – aber auch mehrere Gefahrenquellen. Denn sobald die ÖVP es machen kann, wird sie mit der FPÖ koalieren, wie sie es ungeachtet dramatischer Zwischenfälle schon in Niederösterreich, Salzburg und Oberösterreich macht. Das eigene Hemd ist näher, man kennt sich. Österreich ist ein Land, das traditionell eher nach rechts der Mitte tendiert, es ist gern konservativ, gern ein wenig ängstlich. Wer auf dieser Ängstlichkeit Rattenfängertöne flöten kann, kann sich der Aufmerksamkeit gewiss sein. Es wird schwierig sein, eingefleischte FPÖ-Wählende, die sich längst in einer Parallelwelt der Desinformation befinden, zu einer Rückkehr zu bewegen.

Das Heer der Verstummten

Wesentlich erfolgsversprechender wird es sein, jene fast 50% zu erreichen, die dieses Mal ihre Stimme verstummen haben lassen. Diese fast 50% sind kein Zünglein an der Waage, sie sind eine Armee von Möglichkeiten. Wer den Papa, besser gesagt den selbsternannten Volkskanzler Kickl, im Herbst verhindern will, weiß eigentlich, was er oder sie zu tun hat. P.S. Eines ist es ganz sicher nicht: aus dem burgenländischen Off unkonstruktiv hineinrufen.


Titelbild: Miriam Moné

Autor

  • Julya Rabinowich

    Julya Rabinowich ist eine der bedeutendsten österreichischen Autorinnen. Bei uns blickt sie in die Abgründe der Republik.

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