Sonntag, Juli 14, 2024

Wirtschaftskammer-Attacke gegen Kranke „an Absurdität nicht zu überbieten“

Nach dem Angriff des Salzburger Wirtschaftskammerpräsidenten, Peter Buchmüller, auf Arbeitnehmer im Krankenstand hagelte es heftige Kritik. Buchmüller erklärte in den Salzburger Nachrichten, der erste Tag im Krankenstand solle in Zukunft nicht mehr bezahlt werden.

Fehlzeiten in der Arbeit durch Krankenstände sind zuletzt deutlich angestiegen. Das geht aus dem jüngsten WIFO-Fehlzeitenreport hervor. Geht es nach Peter Buchmüller, dem Präsidenten der Salzburger Wirtschaftskammer (WKS), sollen Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen für den ersten Tag im Krankenstand deshalb künftig kein Krankengeld mehr erhalten. Der Salzburger WK-Präsident und Obmann das ÖVP-Wirtschaftsbundes sah darin einen „sozial verträglichen Ansatz, der helfen würde, Kurzzeitkrankenstände erheblich zu reduzieren“.

Sturm der Entrüstung

Nach dem Sager von Buchmüller zog ein regelrechtes Wortgewitter über die Wirtschaftskammer Salzburg. Von vielen Seiten hagelte es heftigen Widerspruch.

Die Arbeiterkammer betonte gegenüber ZackZack: „Schon heute wissen wir aus Umfragen, dass rund 90 Prozent der Beschäftigten in Österreich regelmäßig krank arbeiten gehen.“ Der Vorschlag Buchmüllers sei deswegen „an Absurdität nicht zu übertreffen.“ Die Kammer unterstrich außerdem, dass die Krankenstände vor der Corona-Pandemie stetig zurückgingen.

Auch für die Österreichische Gesundheitskasse (ÖGK) war die Sache klar: „Der Anstieg der Zahlen liegt daran, dass bis August 2022 die coronabedingten Ausfälle nicht erfasst wurden, danach aber schon“, so ÖGK-Obmann Andreas Huss. Er sah keinen Grund zur Sorge. Ein unbezahlter Krankenstandstag komme für ihn nicht infrage.

Die SPÖ nahm in Person von Bundesgeschäftsführer Klaus Seltenheim zum WKS-Vorpreschen Stellung: „Strafzahlungen für kranke Arbeitnehmer:innen – das kann nur der ÖVP einfallen“. Seltenheim bezeichnete die Äußerungen Buchmüllers als „gesundheits- und sozialpolitischen Skandal.“

Der grüne Abgeordnete Markus Koza fand ähnliche Worte. Im Gespräch mit ZackZack erklärte er: „Kranksein bestrafen, indem man keine Zahlungen mehr bekommt, ist etwas vollkommen Absurdes. Es ist leider ein weit verbreitetes Phänomen, dass sich Arbeitnehmer:innen nicht trauen, in den Krankenstand zu gehen.“ Koza sprach von einem „Schlag ins Gesicht der Arbeitnehmer:innen“.

Für NEOS gehe die Debatte am Kern des Problems vorbei: „Das Problem ist nicht der erste Krankenstandstag, schließlich kann jeder Arbeitgeber ab dem ersten Tag der Krankmeldung eine Arztbestätigung verlangen“, sagte NEOS-Wirtschafts- und Sozialsprecher Gerald Loacker. „Das Problem sind die vielen Frühpensionen aus gesundheitlichen Gründen.“

ÖVP und FPÖ wollten auf die ZackZack-Anfrage nicht antworten.  

WKS: Urlaub bei langer Erkrankung streichen

Die Wirtschaftskammer Salzburg sorgte mit einer weiteren Forderung für Irritationen bei ÖGK und Co. Buchmüller forderte, Langzeitkranken ab zehn Wochen den Urlaubsanspruch zu streichen. Wer länger als zehn Wochen krank sei, solle demnach keinen Urlaub mehr anhäufen. ÖGK-Obmann Huss wertete diesen Vorschlag als eine Bestrafung von Krebspatienten und Personen mit psychischen Krankheiten.


Titelbild: iStock: Khosrork, HELMUT FOHRINGER / APA / picturedesk.com

Autor

  • Daniel Pilz

    Taucht gerne in komplexere Themengebiete ein und ist trotz Philosophiestudiums nicht im Elfenbeinturm stecken geblieben.

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