Kurz, Facebook und Cambridge Analytica

Erneut Aufregung um Cambridge Analytica: ein neuer Leak zeigt die Einmischung weltweit, die Eingriffe via Facebook sind umfangreich. Die Methoden wären für Sebastian Kurz viel wert gewesen, doch bringen sie die Demokratie in Gefahr. Denn durch die Facebook-Kampagnen kann die wichtigste demokratische Voraussetzung angegriffen werden: die Autonomie des Individuums.

Wien, 12. Jänner 2020 / Es war Facebook, von dem das Datenunternehmen Cambridge Analytica lernte. Der Algorithmus „FBLearner Flow“ gilt als „Vorhersagemaschine“ des Zuckerberg-Konzerns. In einem 2018 geleakten Dokument von Facebook ist beschrieben, wie der „FBLearner Flow“ das Verhalten von Nutzern vorhersagt, darin eingreift und versucht zu steuern. Die Maschine sagt vorher, was gedacht, gekauft und wie man sich verhalten wird. Damit steigert Facebook seine Werbeeinnahmen. Und zwar ins Unermessliche: 6,1 Milliarden machte Facebook im letzten Quartal an Profit.

Facebook-Methoden für die Politik

Die Unternehmensberatung Cambridge Analytica ist für „Mikro-Vehaltens-Targeting“ zuständig. Ihr Besitzer ist äußerst öffentlichkeitsscheu: Der Milliardär Robert Mercer ist auch ein Trump-Financier. Der ehemalige CEO Alexander Nix ist stolz darauf, die „Brexit“-Wahl und die Trump-Wahl beeinflusst zu haben. Immerhin habe man „fast um die vier- oder fünftausend Datenpunkte eines jeden Erwachsenen in den Vereinigten Staaten.“

Mit den Analysemethoden von Cambridge Analytica wisse man, „mit welcher Methode eine Person am besten zu überreden ist“ und wie man das Verhalten von Menschen durch sorgfältig gearbeitetes Messaging, das ihnen zusagt, verändert. Es sind dieselben Analysemethoden, mit denen der „FBLearner Flow“ arbeitet. Doch mit einem erheblichen Unterschied: anders als Facebook richtet Cambridge Analytica seine Überwachungsdaten nicht auf den Kommerz, sondern auf die Politik. Wie weit Cambridge Analytica Wahlen wirklich messbar beeinflusste, lässt sich nicht sagen.

Jedoch weiß man eines ganz genau: durch die präzisen Profile von Nutzern, die man durch Facebook-Daten erstellen kann, lassen sich hochpräzise Kampagnen auf jede einzelne Person auf Facebook konstruieren. Man weiß genau, wer beispielsweise ganz sicher für den Brexit ist, wer sich sicher gegen den Brexit stellt und eben auch, wer unsicher ist.

Psychoprojekte mit Millionen von Facebook-Nutzern

Gerade diese unsicheren Personen sind interessant. Und man drückt nicht jedem dieselbe Kampagne aufs Auge. Die Kampagnen sind personalisiert – je nachdem, wie man die Person am stärksten ansprechen kann. Denn Facebook weiß, welche Ängste eine Person plagen und womit sie am besten anzusprechen ist. Und das wusste auch Cambridge Analytica. Doch mit solchen Eingriffen geht etwas Zentrales für eine funktionierende Demokratie verloren: die individuelle Selbstbestimmung.

Cambridge Analytica engagierte den Datenwissenschaftler Alexander Kogan. Er arbeitete schon 2013 mit Facebook zusammen – im Laufe des Projekts erstellte Kogan psychologische Profile von 50-87 Millionen Facebook-Nutzern. Dass sie Versuchskaninchen bei einem Facebook-Psychoprojekt waren, davon hatten die Millionen Nutzer natürlich keine Ahnung. Kogan verkaufte diese Profile schließlich an Cambridge Analytica.

Dieser Datenstamm war die Basis, „und mit diesem Wissen wurden Modelle aufgebaut, um mit den auf der Basis dieses Wissens aufgebauten Modellen gezielt die inneren Dämonen der Leute zu adressieren“, gestand der Whistleblower und das vormalige Cambridge Analytica-Superhirn Chris Wylie.

Nun kamen neue Leaks über Cambridge Analytica an die Öffentlichkeit. Sie zeigen weltweite Manipulationsversuche von Wahlen. Auch Kurz-Mastermind Philip Manderthaner kontaktierte das Büro. Laut eigenen Angaben habe er aber nie mit Cambridge Analytica zusammengearbeitet.

Als Sebastian Kurz die ÖVP übernahm, war alles genau geplant. Man wollte FPÖ-Wähler zu Kurz holen. Eine gezielte Online-Kampagne mit dem psychologischen Datensätzen von Cambridge Analytica oder von Facebook, wäre Gold wert gewesen. Mehr noch als Gold: sie wäre eine Garantie für das „Projekt Kurz“ gewesen. Und Facebook – das steht außer Zweifel – weiß aufgrund der umfassenden Überwachung seiner Nutzer, welche Facebook-Österreicher FPÖ-affin sind, aber auch einen stramm rechten Sebastian Kurz wählen würden.

Kurz besuchte Facebook vor dem Wahlkampf

Einige Wochen vor dem Wahlkampf 2019 besuchte Sebastian Kurz das Silicon Valley. Dort traf er auch Nick Clegg, Chef-Lobbyist von Facebook. Alleine ein Treffen mit Clegg, der den politischen Einfluss Facebooks zu verantworten hat, ist seltsam. Kurz war zu dieser Zeit nur ÖVP-Chef, nicht Kanzler. Was dort besprochen wurde, weiß die Öffentlichkeit nicht. Nur eines weiß man: die Selbstbestimmung des Einzelnen sieht Facebook eher als Hindernis. Und dadurch auch die Demokratie.

Die ÖVP lieferte sich ihrer Parteijugend aus, als Kurz übernahm. Und die Jugend sah möglicherweise das Potential der Onlineüberwachung von Facebook. Es ist alles Spekulation: Doch warum soll sich Sebastian Kurz im Juli 2019 nicht über seine Facebook-Wahlkampagne mit dem Facebook-Lobbyisten Nick Clegg unterhalten haben? Es würde auf der Hand liegen, genauso wie es auf der Hand liegen würde, dass die Marketing-Profis der ÖVP versucht haben, das professionelle Büro von Cambridge Analytica zu engagieren.

Cambridge Analytica kann nach eigenen Angaben das Verhalten von Online-Nutzern manipulieren. Es darf auch bezweifelt werden, dass Facebook mit den Unternehmungen von Cambridge Analytica Probleme hat. Immerhin nahm man einen persönlichen Assistenten von Alexander Kogan unter Vertrag. Er bekam einen Job in der Facebook Psychologie-Forschungsgruppe. Über die Macht zu Verhaltensmanipulation ist sich Facebook voll bewusst. Für die politische Manipulation braucht Facebook Cambridge Analytica nicht.

(ot)

Titelbild: APA Picturedesk/pixabay

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