Österreichs Wirtschaft droht der Kollaps

Die ÖVP fährt eine Kampagne, wonach Österreichs Wirtschaft besser als andere durch die Krise käme. Ein genauer Blick auf die Zahlen zeichnet jedoch ein düsteres Bild: über 200.000 neue Arbeitslose werden noch nicht einberechnet, bei Selbstständigen droht eine Massenpleite, der Ausblick auf den Tourismus ist ungewiss. Ein Bericht über gefährliche Zahlenspiele.

Wien, 08. Mai 2020 | In einer konzertierten PR-Aktion in den Sozialen Netzwerken hat die ÖVP einmal mehr ihre eigene Krisenpolitik gelobt. So wurden zum Beispiel der Twitter-Account des Bundeskanzlers sowie der Facebook-Account vom bald wahlkämpfenden Finanzminister Blümel mit Jubelmeldungen bespielt. Doch die Sache hat einen Haken.

ÖVP traut eigener Statistikbehörde nicht

Pikant: Die Zahlenbasis für das Eigenlob ist die Frühlingsprognose der EU-Kommission. Demnach soll Österreichs Arbeitslosigkeit im Mai bei 5,8 Prozent liegen. Das wäre ein sehr optimistisches Szenario angesichts knapp einer halbe Million Arbeitslose und über eine Million Menschen in Kurzarbeit.

Die eigene Behörde Statistik Austria spricht hingegen von der Horrorzahl 13 Prozent. Das wäre die höchste Quote seit der Nachkriegszeit. Warum also die große Differenz? Die EU berechnet ihre Zahlen auf Basis eines überaus optimistischen Modells, wie Oliver Picek, Senior Economist am Momentum Institut, sagt gegenüber ZackZack:

„Die Zahlen aus der Frühjahrsprognose 2020 der Europäischen Kommission sind derzeit so wie fast alle Konjunkturprognosen noch unsicherer als sonst – wenn man böse formuliert könnte man sagen: Kaffeesudleserei.“

International vergleichbare Zahlen lägen erst für Ende März vor, was bedeutet, dass die Befragungen dafür schon zuvor stattgefunden haben dürften. Die über 200.000 Arbeitslosen mehr sind also noch gar nicht bei den von der ÖVP genutzten EU-Zahlen abgebildet.

Betreffend aktueller, nationaler Berechnungen sieht es bei den Arbeitslosen düster aus. Auch wenn die nationalen Modelle divergieren, ist der Unterschied zur von der Pandemie stärker getroffenen Schweiz deutlich und zeigt, wie weit Vergleiche auseinandergehen:

Grafik ZackZack/TE, Quelle: Statistik Austria, Seco, Luzerner Zeitung.

Einige Probleme bei Hilfsfonds

Oliver Picek geht aber noch weiter:

„Einige Frühindikatoren, wie der Einkaufsmanagerindex PMI zeigen hingegen ein nicht sehr rosiges Bild für Österreich, das dort schlechter als Deutschland und die Schweiz liegt.“

Das Statistikportal „Statista“ veröffentlichte zum DACH-Raum einen Beitrag mit dem Titel „Österreichs Wirtschaft leidet am meisten“. Hier schreibt Daten-Journalist René Bocksch: “In Österreich nahm die Industrieproduktion innerhalb eines Monats drastisch ab und erreichte im April das Allzeittief.”

Und auch rund um die diversen Hilfsfonds dürfte es einige Probleme geben.

„Mal sind die Kriterien der Regierungsprogramme zu streng für einen Anspruch, mal der Geldbetrag wie im Härtefallfonds zu niedrig um Kosten abzudecken, mal kommt das Geld nicht rasch genug an wie bei den Hilfskrediten der Banken. Da wird eine Welle an Insolvenzen auf uns zukommen – die Frage ist nur, wie groß sie sein wird“,

sagt Picek im Hinblick auf das, was erst noch auf Österreich zukommen könnte. Zwar könne man auf die mit den Sozialpartnern ausgehandelten Kurzarbeitsprogramme zurecht stolz sein, nur fehle es an konkreten Plänen, die Arbeitslosigkeit wieder zu senken. Angesichts der höchsten Arbeitslosigkeit seit den 1950ern könne man sich derzeit nicht freuen.

Auch von wirtschaftsliberaler Seite bekommt die ÖVP Gegenwind. Nationale „Wettrennen“ könnten in einer vernetzten Wirtschaft schnell zum Bumerang werden.

Massenpleite bei Selbständigen droht

Laut einer aktuellen Studie des Tarifvergleichsportals „durchblicker.at“ hat in Österreich jeder Sechste Probleme, seine Fixkosten zu bestreiten. Vor allem Selbständige sind besonders stark von der Krise betroffen.

Wie „meinbezirk.at“ in einem Überblick zur Studie berichtet, soll gar jeder vierte Selbständige vor dem Nichts stehen. Es droht die Massenpleite bei den Selbständigen. Das dürfte einen herben Schlag für die gesamte Volkswirtschaft bedeuten, denn jedes zweite Unternehmen in Österreich ist ein Ein-Personen-Unternehmen (EPU).

Auch das Pulverfass Tourismus ist nach dem von Kurz angezettelten Streit mit Deutschland ein Unsicherheitsfaktor für die wirtschaftliche Entwicklung. Die Nervosität in der Diskussion um rasche Grenzöffnungen zeigt, wie angespannt die Lage in der Branche mittlerweile sein dürfte. Picek:

„Mittlerweile wird aber immer mehr klar, dass diese rasche Rückkehr nicht gänzlich gelingen wird. Ob die Grenzen für Touristen im Sommer geöffnet werden, weiß zum Beispiel noch niemand“,

so der Momentum-Ökonom.

Auch bei der Wirtschaftsleistung seien die Prognosen teils sehr weit auseinander: „Die Bandbreite der Prognosen zur Wirtschaftsleistung in Österreich 2020 im Vergleich zu 2019 liegen derzeit zwischen -4% und -9%.“ Minister Blümel geht sogar so weit, dass er einen Vergleich mit Schweden anstellt, um die eigene Richtung als die richtige zu inszenieren. Ökonom Picek sieht derartige Vergleiche kritisch: „Für so einen Vergleich ist auf seriöser wissenschaftlicher Basis noch viel zu früh.“

Auch beim Handel gebe es noch keine seriöse Prognosekraft. Es ist laut einigen Experten davon auszugehen, dass die Leute, wie schon nach der Finanzkrise 2008, in einer unsicheren wirtschaftlichen Lage nicht konsumieren, sondern eher sparen oder ihr Geld anlegen.

Update 09.05.: in einer früheren Version bezifferte der Artikel die Arbeitslosenquote der EU-Kommission auf 5,3 anstatt auf richtigerweise 5,8 Prozent.

(wb)

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Titelbild: APA Picturedesk

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