Backstage U-Ausschuss

Eine Handyfoto-(Love)Story hinter den Kulissen

Der U-Ausschuss ist in der Stadt. Volksfeststimmung. Strache kommt, Gudenus auch, da ist was los. Um die 60 Journalistenplätze, die das Parlament zur Verfügung stellt, wirds ein G’riss geben, befürchtet Thomas Walach und stellt sich deshalb früh an. In seiner Reportage: Einblicke, wie der Ausschuss hinter den Kameras abläuft.

Wien, 04. Juni 2020 | Eh klar: Um acht Uhr früh sind (fast) nur Deutsche da. Handtücher haben sie nicht mitgebracht, aber Kameras. Damit kann man sich Plätze auch gut reservieren. Mit der Zeit wird die Schlange vor der Hofburg, dem baustellenbedingten Ausweichquartier des Parlaments, länger.

Ein Polizist schlendert vorbei. Ein Auflauf, da gibt es vielleicht etwas zu tun, oder wenigstens etwas zu sehen. Als er in zwei Dutzend Objektive blickt, erstarrt er wie ein Reh im Scheinwerferlicht. Jene Journalisten, deren Anreise kürzer war, trudeln nach und nach ein. Man redet über Innenpolitik, also über Arbeit.

Ab in den Kaninchenbau

Ein Trupp Hofburgmitarbeiter in schwarzen Uniformen sperrt den Baucontainer auf, der als Schleuse dient. Fieber messen, Sicherheitscheck, tausche Presseausweis gegen Besucherkarte. Es gibt auch gratis Coronatests für Journalisten, aber nach dem, was man sich in den Gängen der Hofburg flüsternd über die Eintauchtiefe der Wattestäbchen erzählt, ist das nur etwas für Hartgesottene. Man muss nicht jede Erfahrung machen.

Drinnen: Eng, heiß, sehr eng. Nachher heißt es dann wieder, die Journalisten hätten den Abstand nicht eingehalten. Neblig ist es auch, aber nur für jene, denen dank Mund-Nasen-Schutz ständig die Brille beschlägt. In den Arbeitsräumen herrscht freie Platzwahl und wer glaubt, es gehe anders zu als in der Schule, täuscht sich: Wer neben wem sitzt ist die Frage des Tages. Ganz vorne will natürlich keiner. Das „leistungsfähige W-Lan“ (so die Parlamentsdirektion) geht einmal nicht, dann wieder schon, im Großen und Ganzen aber eh.

NEOS-Ageordneter und Ex-Chefredakteur Helmut „Brandy“ Brandstätter kommt, besieht sich so unauffällig, wie es einem Mann mit der Statur eines Basketballspielers eben möglich ist, das Gedränge und ist vielleicht dankbar, diesmal auf der anderen Seite der Kordel sein zu können. Seine Kollegin und Fraktionsführerin Steffi Krisper treibt sich derweil im Medienarbeitsraum herum. Die Stimmung ist ein bisschen, als wäre bald Prüfung.

Coronasicher per Dekret

Das Ausschusslokal (die Nr. 7) ist ein schlauchartiger Raum. Hier ist Corona-Schutz auf einmal wichtig. Große Sitzabstände, Plexiglaswände. „Sie sind sicher“, sagt der Ausschussvorsitzende Wolfgang Sobotka zu den Journalisten, die sich in der Enge vor dem Lokal gegenseitig auf die Füße steigen. „Unsere Betriebsärztin hat diese Räumlichkeiten für sicher erklärt.“ Gott sei Dank!

Bevor es los geht, geben die Fraktionsführer Pressekonferenzen. Hübsches Detail der ersten Frage an die grünen Abgeordneten Stögmüller und Tomaselli, die den Anfang machen: „Das Aufdeckermedium ZackZack hat von einer Aufteilung der Republik berichtet. Ist so etwas für Sie sichtbar?“

Die Abgeordneten der übrigen Fraktionen warten inzwischen mitten im Gedränge. Mit Corona kann man sich offenbar nur im Ausschusslokal anstecken, nicht davor.

Bei der Pressekonferenz selbst macht jeder nach seiner Façon. ÖVP-Gerstl liest einen Schulaufsatz vor, in dem er der Hoffnung Ausdruck verleiht, die Opposition würde nicht versuchen, aus dem Ausschuss “politisches Kleingeld zu schlagen”. Im Übrigen sei die FPÖ an allem, die ÖVP dafür an nichts schuld. FPÖ-Hafenecker sucht in Österreich nach dem “Deep State” und wundert sich, dass aus der Handyauswertung Straches alle Nachrichten an und von Kurz verschwunden sind. Zustimmendes Nicken unter den Journalisten. Das dynamische Duo Krisper/Krainer (NEOS/SPÖ) ist gut in Fahrt. Der sonst so trocken-ruhige SPÖ-Finanzsprecher Krainer wirkt für seine Verhältnisse fast schon überdreht. NEOS-Oberaufdeckerin Krisper hat wie immer einen flotten Spruch auf den Lippen. Sie kritisiert die Wahl der Räumlichkeiten. Im Plenum hätte sie Milliardärin Heid Horten nämlich durch Herbeischaffung eines Riesenelefanten die Angst nehmen können.

Rückansichten

„Und? Du so?“, fragt ein Kollege (Name der Redaktion bekannt), den Mund-Nasen-Schutz und angelaufene Brille nicht täuschen konnten. Wer nicht Politiker, dafür aber Journalisten und Parlamentsmitarbeiter von hinten fotografiert, fällt offenbar auf. „Ich mache eine kleine Handyfotoreportage über das, was hinter den Kameras so los ist.“ „Eine Reportage über Ärsche also“, sagt der Kollege und ich schwöre, dass sein Blick nicht zur den FPÖ-Abgeordneten schweift, die gerade wortreich versuchen, die FPÖ zu verteidigen, Strache aber nicht mitzumeinen.

Dann kommt der große Augenblick. Im Ausschusslokal ist filmen und fotografieren verboten, außer, wenn es gerade doch erlaubt ist. Dieser entscheidende Moment heißt Kameraschwenk. Ein Parlamentsmitarbeiter verkündet, dass der Nämliche gleich dran sei. Man werde Kameraleute und Fotografen gleichzeitig einlassen. Stöhnen. „Na bitte!“, sagt ein Kameramann, dem Übles schwant. „Kömma das nicht aufteilen?“ „Ok,“ sagt der Mitarbeiter, „dann zuerst die Fotografen.“

Farbverwirrung und Gesang

Als die Absperrung geöffnet wird, ist das alles Makulatur. Kennen Sie noch das Reinhard May-Lied von der Schlacht am kalten Buffet? Drinnen führt dann Sobotka Schmäh mit einem Kollegen vom Bayrischen Rundfunk, der sich durch einen weiß-blauen Mund-Nasen-Schutz verraten hat. „Ah, Blau-Weiß! Fast wie bei uns!“ fraternalisiert der Niederösterreicher Sobotka, nur um aufgeklärt zu werden: „In Bayern hoaßt des Weiß-Blau.“ Und zum Beweis stimmt der Kollege von hinterm Grenzübergang Walserberg die Bayernhymne („Gott mit dir, du Land der Bayern!“) an, in der offenbar das Weiß und Blau des bayrischen Banners besungen werden.

Das hat’s gerade noch gebraucht.

(tw)

Hier geht’s zur Fotostory:

  • 8 Uhr früh: (Fast) Nur Deutsche da.

  • Gleich dran! Das ist die Sicherheits- und Fiebermessschleuse. Drinnen leider kein Fotografieren möglich.

  • Morgens halb 10 in der Hofburg.

  • Pressekonferenzen bilden den Appetithappen des ersten Auschusstages.

  • Wer zu spät kommt, sieht ÖVP-Fraktionsführer Gerstl nur als Punkt am Horizont.

  • Während die Regierungsmehrheit spricht, warten die Oppositionsabgeordneten im Gedränge. Aber keine Sorge, die Betriebsärztin des Parlaments hat nichts dagegen.

  • FPÖ-Hafenecker sieht nicht ein, dass von der Justiz nur Handydaten Straches ausgewertet werden, während Kurz im Leo ist.

  • k.u.k. in der republikanischen Variante. Das dynamische Duo Krisper und Krainer hat den parteiübergreifenden Doppelpass längst zum Markenzeichen gemacht.

  • So schaut das dann später im Fernsehen aus.

  • Drinnen darf man nicht fotografieren...

  • ...aber wenn doch, geht's zu wie bei den Eingängen zu den Bundesgärten.

  • Drinnen ist alles coronasicher, Babyelefanten inklusive. Krainer und Brandstätter können aufatmen.

  • Wolfgang Sobotka will nicht aggressiv wirken. Er hat nur einen Bayern entdeckt und gibt sich reflexartig volkstümlich.

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Titelbild: APA Picturedesk

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