Sonntag, Juni 16, 2024

Ludwigs riskante Strategie – Kommentar

Kommentar

Nach Tagen des Chaos rund um Wien Energie wird langsam so etwas wie eine Kommunikationslinie des Bürgermeisters erkennbar. Sukkus: Ja kein Eingeständnis, ja keine Schwäche zeigen und wie in der Corona-Krise über „Wien-Bashing“ klagen. Warum die Strategie nach hinten losgehen könnte:

Benjamin Weiser

Wien, 01. September 2022 | Michael Ludwig (SPÖ) durchlebt seine erste schwere politische Krise. Ob er sie lediglich mit ein paar Kratzern überstehen wird, wird maßgeblich von seiner Kommunikationsstrategie abhängen. Die aktuelle ist nicht ohne Risiken.

Seit Ludwig Wiener Bürgermeister ist, gilt er als geheimer SPÖ-Parteichef. Er ist eine Art Kaczynski (in Anlehnung an den Strippenzieher der regierenden PiS in Polen), wobei der autokratische Einflüsterer aus Warschau politisch selbstverständlich von einem ganz anderen Stern ist. Sicher ist aber: Pamela Rendi-Wagners Schicksal hängt ein Stück weit vom roten Stadtkaiser ab. Den Status als “Mister SPÖ” hat sich Ludwig hart erarbeitet.

Vom Antreiber zum Getriebenen

In der Corona-Krise erfuhr er große Beliebtheit, trieb die Bundesregierung mit einem klaren Kurs vor sich her. Die Botschaft: In Wien läuft es, wir helfen gerne auch im Bund! Ein derart souveränes Auftreten kann den Menschen ein Schutzgefühl vermitteln. Das zeigten auch die Umfragen. Wenn man allerdings unter Druck steht, so wie Ludwig derzeit, kann das schnell zum Bumerang werden. Dann wird aus jovial großkotzig und aus souverän arrogant.

Bestes Beispiel war der Auftritt im Ö1-Morgenjournal am Donnerstag. Ludwigs Strategie: Ja kein Eingeständnis, ja keine Schwäche zeigen, „Wien-Bashing“ des Bundes ansprechen und mantraartig wiederholen, dass die Versorgungssicherheit zu keinem Zeitpunkt gefährdet gewesen sei. Das stellt ein Umlaufbeschluss des Wiener Stadtsenates allerdings anders dar.

Ludwig wirkte phasenweise schmallippig und wenig erfreut über die Tatsache, dass ein Interview kritische Nachfragen beinhalten kann. Schon bei der Pressekonferenz mit Wien Energie-Aufsichtsrat Peter Weinelt und Finanzstadtrat Peter Hanke wollte Ludwig keinen Zweifel aufkommen lassen, wer die Hosen anhat. Das klappte nur mäßig.

Kein Wunder, aus der akuten Corona-Krisenzeit ist er es gewohnt, der Antreiber zu sein. Nach chaotischen Pressekonferenzen von Türkis-Grün folgte stets eine bessere von Ludwig. Doch jetzt ist er der Getriebene. Das sollte der Bürgermeister bald einsehen und die Karten auf den Tisch legen.

Die SPÖ Wien hat völlig unterschätzt, wie schlecht das Image der Wien Energie durch die jüngsten Preiserhöhungen ist. Milliardenbeträge, die das Unternehmen trotz der hohen Kundenrechnungen zusätzlich vom Staat braucht, wirken wie blanker Hohn auf Menschen, die jeden Cent umdrehen müssen. Dass mit der Meldung vom Wochenende eine negative Eigendynamik entsteht, hätte dem Polit-Profi eigentlich klar sein müssen.

Runter vom hohen Ross

Ob es gravierende Managementfehler gab, oder ob riskant spekuliert wurde, wird sich erst noch zeigen. Das ist in der Wahrnehmung der Leute aber fast schon egal, denn der politische Schaden für die Roten ist bereits da. Man hat es verpasst, frühzeitig zu kommunizieren, dass ein solcher Finanzbedarf ungewöhnlich ist. Ludwig behauptet immer noch das Gegenteil.

Hätte er schlüssig und staatsmännisch erklärt, warum in außergewöhnlichen Zeiten außergewöhnliche Maßnahmen erforderlich sind, und zwar schon vor dem Börsenbeben am vergangenen Freitag, wäre jede Polit-Attacke von ÖVP-Finanzminister Magnus Brunner & Co. verpufft. Dann wäre auch Verständnis dagewesen für Kritik, wonach der Bund den geforderten Schutzschirm für den Energiemarkt viel früher hätten spannen müssen.

Jetzt aber hilft nur noch eines: Runter vom hohen Stadtross! Eine Kommunikation, die den Leuten nicht vormacht, dass alles richtiggemacht wurde, erfordert Mut zur Erkenntnis und zur Kehrtwende. Die ist jetzt notwendig. Denn, wenn Bundes- und Stadtrechnungshof etwaige Leichen im Keller des Rathauses rund um die Causa Wien Energie finden, geht es endgültig um Ludwigs Bürgermeistersessel.

Zusätzlich sollte der Bürgermeister schnellstmöglich die Wogen mit seinem pinken Koalitionspartner glätten und das eine oder andere Zugeständnis machen. Denn Christoph Wiederkehrs NEOS wird seit Beginn der „Fortschrittskoalition“ vorgeworfen, ein eher trauriges Dasein als SPÖ-Steigbügelhalter zu fristen. Wiederkehrs scharfe Kritik an der Intransparenz der SPÖ kommt also nicht von ungefähr.

Selbst wenn Ludwig Recht behalten sollte und die Causa Wien Energie sich als aufgebauschter „Skandal“ aus türkiser Feder entpuppt, kann er nicht wochenlang warten, bis die Hintergründe der Krise des Versorgers bis ins Detail aufgeklärt sind. Er selbst muss sich an die Spitze der Aufklärung stellen. Sonst wird ihn die Aufklärung der anderen einholen.

Titelbild: ZackZack/Christopher Glanzl

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