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ÖVP-Klubobmann erklärt Kalte Progression falsch

Ein Versuch von ÖVP-Klubobmann August Wöginger, die Abschaffung der Kalten Progression zu veranschaulichen, ging ordentlich schief.

Wien, 22. September 2022 | ÖVP-Klubobmann August Wöginger wollte TikTok und seiner Anhängerschaft etwas Gutes tun und die Kalte Progression erklären – und damit Anti-Teuerungsmaßnahmen bewerben. Stattdessen zahlt die Person in seinem Beispiel plötzlich gar keine Steuern mehr und Twitter ist amüsiert.

Steuerlose Gehaltserhöhung

Wirtschaftliche Konzepte zu erklären ist nicht immer leicht, konkrete Beispiele schaffen Abhilfe. Wöginger ging von einer Person aus, die monatlich 2.000 Euro Brutto erhält und aufgrund der Inflation eine Gehaltserhöhung von 100 Euro im Monat bekommt. 20 Euro davon zieht er für die Sozialversicherung ab, „das war so und das bleibt so. Also die sind einmal weg.“ Dann erklärt Wöginger, in der Vergangenheit hätte die Person von den 100 Euro rund 30 Euro an Steuern abführen müssen. „Und diese 30 Euro, die sind jetzt nicht mehr besteuert“, erklärt der Klubobmann und gönnt der Person prompt eine steuerlose Gehaltserhöhung. Statt einer Steueranpassung führte er eine Steuerabschaffung vor.

Steueranpassung nicht -abschaffung

Steuerlose Gehaltserhöhungen hätte man viel weiter links auf dem politischen Spektrum verortet. Das ist auch nicht das, was die Regierung beschlossen hat. Durch die verkündete „Abschaffung der Kalten Progression“ werden mit 1. Jänner 2023 die Steuerstufen automatisch um einen Inflations-Durchschnittssatz angehoben. Was früher die Regierung in einer Steuerreform verhandelt hat, passiert künftig automatisch.

Solche Reformen waren unter anderem notwendig, um sicherzugehen, dass Gehaltserhöhungen, die auf Basis der Teuerungsrate gewährt werden, nicht verpuffen, etwa wenn man durch das Brutto-Einkommensplus in eine höhere Steuerklasse aufsteigt. Mit niedrigeren Steuersätzen bleibt zudem auch innerhalb derselben Steuerstufe mehr Netto vom Brutto. Mit der jüngsten Steuerreform sind Anfang 2022 unter anderem die Steuerprozentsätze für die zweite und dritte Steuerstufe von 35 auf 30 Prozent beziehungsweise von 42 auf 40 Prozent reduziert worden.

Experten üben Kritik

Was erst gut klingen mag, hat der Regierung aus Wirtschaftswissenschaftskreisen viel Kritik eingebracht. Regelmäßige Steuersenkungen würden gezielter unterstützen, zeigte etwa eine Studie des Momentum Instituts. Mit dem Automatismus verliere man wichtige „verteilungs-, budget und konjunkturpolitische Spielräume“, schrieb Ökonom Joel Tölgyes im Juni.

Durch das Gesamtpaket profitieren letzten Endes höhere Einkommen in Relation stärker als niedrigere, rechnete auch Jakob Sturn vom Momentum Institut jüngst in „Ausgerechnet“ vor: „492 Euro pro Kopf mehr bleibt den reichsten Haushalten im kommenden Jahr, bei Menschen mit den niedrigsten Einkommen sind es lediglich 84 Euro. Für die Mittelschicht gibt es 312 Euro pro Kopf.“ Er plädiert dafür, sich den Spielraum bei vermögensbezogenen Steuern wieder zurückzuholen.

(pma)

Titelbild: JOE KLAMAR / AFP / picturedesk.com

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31 Kommentare
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dieWahrheitistvielmehr..
23. 09. 2022 9:01

Anscheinend hat über die Jahre noch keine Regierungspartei die kalte Progression richtig verstanden. Darum konnte sie bis heute auch nicht wirklich abgeschafft werden.
Ein fachlicher Mindeststandard für Politiker wäre hilfreich.

SprinzlG
23. 09. 2022 6:32

Höginger ist ein Ungustl! Das er Falschmeldungen von sich gibt, ist nicht das erste Mal. Diese Regierung gehört in die Wüste geschickt, zusammen mit Van der Bellen, dieser Mumie! In Bregenz hat er im Vorjahr die SALZBURGER Festspiele eröffnet. Das habe ich live im Radio gehört!

TaurusParvus
22. 09. 2022 20:50

Okay, vielleicht ist er für TikTok zu blöd.
Aber für eine Spitzenposition in der ÖVP reicht es immer noch.

Plueschhamster
22. 09. 2022 20:28

Wenn man sich wo nicht auskennt sollte man einfach die Klappe halten.

Mambo0815
22. 09. 2022 18:42

Da wurde der arme August aber sicher falsch beraten, hat er womöglich am falschen Platz gespart?

Für immer Gewaltfrei

Federhof
22. 09. 2022 18:06

Die Fabrikation der Stupidität. Sie können es einfach nicht.

Noris
22. 09. 2022 17:53
Samui
22. 09. 2022 23:03
Antworte auf  Noris

👍👍👍Danke für den Link😃

Zuletzt bearbeitet 5 Tage zuvor von Samui
ManFromEarth
22. 09. 2022 17:49

i.V. der heutige Tierartikel: -manche Vorgangsweisen haben Bestand, 100 Millionen Jahre lang
https://mfe.webhop.me/geschichte-archaeologie/urzeit/urzeit-raubwanze-mit-rundumsicht/

Patrachos
22. 09. 2022 17:31

Der Gustl war, ist und bleibt ein Volldepp!

maruh
22. 09. 2022 17:07

nichts anderes hab i von an schwarzen erwartet

Voit
22. 09. 2022 15:42

Was würden zu dem wohl seine Vorgänger wie Koren, Neisser oder aber auch Schüssel sagen?

Samui
22. 09. 2022 13:56

Die schwarze Brut war zu lange in der Regierung. Die sind einfach abgehoben und kennen nur mehr ihre ” Wahrheit “.

accurate_pineapple
22. 09. 2022 15:51
Antworte auf  Samui

👍👍👍

matrilinear
22. 09. 2022 13:16

ÖVP-Klubobmann erklärt Kalte Progression falsch: Solche Leute braucht das Land!
Kraft ihrer Ämter entscheiden sie über Maßnahmen, die sie gar nicht verstehen.
Gut’ Nacht, Volksvertreter!

baer
22. 09. 2022 13:10

Sorry, konnte mir das leider nicht ansehen. Der Mensch geht mir so derartig auf den Geist, dass das unmöglich ist. Das die ÖVP nur wirtschaftsnahe aber nicht wirtschaftskompetent ist weiß ohnehin jeder.

Zuletzt bearbeitet 6 Tage zuvor von baer
Samui
22. 09. 2022 13:57
Antworte auf  baer

Bin bei Ihnen…..der ist wirklich ein Ungustl.

Summa summarum
22. 09. 2022 13:09

Herr Wöginger, Sie haben die REGRESSION erklärt. Das macht nichts, Sie sind ja nicht bei einer Wirtschaftspartei…

Piter_Pelz
22. 09. 2022 22:28
Antworte auf  Summa summarum

Seine (mentale) Regression wollten Sie sagen?
Verstehe…

hagerhard
22. 09. 2022 12:34

der wöginger sollte am besten gar nix erklären.
weil wobei kennt er sich schon aus?

ausserdem –
die “kalte progression” ist so irgendwie ein suburban mythos bei dem die wenigsten wirklich wissen, welche auswirkungen das hat.

hier mein versuch einer erkläruing was das ist und wie sich das auswirkt – inkl. berechnungen

https://www.hagerhard.at/blog/2020/01/eine-chimaere-die-abschaffung-der-kalten-progression/

TaurusParvus
22. 09. 2022 21:30
Antworte auf  hagerhard

Normalerweise stimme ich mit Ihnen überein. Aber das hier ist Unfug, wie Sie meinem Kommentar entnehmen können.

hagerhard
23. 09. 2022 8:16
Antworte auf  TaurusParvus

meine antwort direkt unter ihrem beitrag

TaurusParvus
23. 09. 2022 8:55
Antworte auf  hagerhard

Okay, dann machen wir auf Ihrem Blog weiter. Grundsätzlich hat er es ja verdient.

Leo Brunz
22. 09. 2022 14:54
Antworte auf  hagerhard

Danke für die gute Erklärung.
Seit ich beruflich mit Lohnabrechnung zu tun hatte, stellt sich mir die Frage, weshalb es bei der SV eine Höchstbeitragsgrundlage gibt. Jeder Geringverdiener zahlt für sein Gehalt (Lohn) die volle SV, nur die Gutverdiener werden wieder bevorzugt.

Zuletzt bearbeitet 6 Tage zuvor von Leo Brunz
TaurusParvus
22. 09. 2022 20:54
Antworte auf  Leo Brunz

Die Höchbeitragsgrundlage gibt es deshalb, weil es auch für die Leistungen aus der Sozialversicherung einer Obergrenze gibt.

DieHausfrau
23. 09. 2022 6:31
Antworte auf  TaurusParvus

das mit der höchstbemessungsgrundlage ist der oberschmäh. von wegen, damit nachher pensionen gedeckelt werden. da gehts ausschliesslich darum, dass die grossverdiener weniger brennen.ein ponzisystem (umlageverfahren) hat nie was mit einer kapitalversicherung zu tun. die benennung ist ja schon die irreführung: pensionsVERSICHERUNG. man erkläre mir aber, warum zb erträge aus kapitalvermögen oder vermietung und verpachtung der privatiers NICHT sozialversicherungspflichtig sind. die ach so gerne verglichene schweiz macht das viel schlauer. alle brennen SV für alle einkünfte – jedoch degressiv. https://www.bsv.admin.ch/bsv/de/home/sozialversicherungen/ueberblick/beitraege.html

Zuletzt bearbeitet 5 Tage zuvor von DieHausfrau
TaurusParvus
23. 09. 2022 8:17
Antworte auf  DieHausfrau

Natürlich können Sie im Umlageverfahren beliebig umverteilen. Sie können auch alle Beiträge abschaffen und die gesamte Sozialversicherunhg aus dem Budget finanzieren. Aber wenn Sie im Pensionswesen einen fairen Ausgleich zwischen den Beitragszahlen schaffen wollen, ist es eine valide Methode, Mechanismen des Versicherungswesens zu integrieren. Das Pensionskonto und die längeren Pensions-Durchrechnungszeiten waren zum Beispiel vom Kapitalmarkt übernommene Maßnahmen in diese Richtung. Dass sich solche zwangsläufig aus dem Umlageverfahren ergeben hat niemand behauptet, da müssen Sie groß dagegen argumentieren.
Die Erklärung, warum Kapital- und Mieterträge nicht beitragspflichtig sind, müssten Sie sich von jemandem einholen, der dafür plädiert.
Die Sozialversicherungsbeträge leisten Sie nicht alleine für die Pension, sondern auch für den Fall von Krankenstand oder Arbeitslosigkeit. Daher der Versicherungsbegriff. Was die Finanzierung des Gesundheitssystems betrifft, ist die Höchstbemessungsgrundlage nicht argumentierbar, hinsichtlich der Arbeitslosenversicherung und der Pensionsbeiträge sehr wohl. Das ist kein Oberschmäh, das ist Mathematik.

hagerhard
22. 09. 2022 19:28
Antworte auf  Leo Brunz

die erklärung für die höchstbemessungsgrundlage liegt in den zu erwartenden auszahlungen, die eben von dieser höchstbemessung gerechnet werden.
man hat offensichtlich angst, dass die auszahlungen ansonst hohe mtl beträge sein könnten.

Samui
22. 09. 2022 13:57
Antworte auf  hagerhard

Ein erbärmlicher schwarzer Mitläufer.

bmtwins
22. 09. 2022 12:26

Dumm – dümmer – wöginger

DieHausfrau
23. 09. 2022 6:33
Antworte auf  bmtwins

der ist nicht dumm, er weiss nur wenig….