Tote und Verletzte bei Protesten im Iran

Kundgebungen in Österreich

Die Lage rund um die Proteste im Iran hat sich am Wochenende weiter zugespitzt. Auch in Österreich gab es Solidaritätskundgebungen.

Teheran/Wien, 26. September 2022 | Nach dem Tod einer jungen Frau im Iran sind am Wochenende wieder Tausende Menschen gegen das islamische Herrschaftssystem und die systematische Diskriminierung von Frauen auf die Straße gegangen. Zugleich meldeten iranische Staatsmedien am Sonntag Gegendemonstrationen in der Hauptstadt Teheran und anderen Städten.

“Tod dem Diktator”-Rufe

Sowohl Sicherheitskräfte als auch Demonstranten treten bei den regimekritischen Protesten Augenzeugenberichten zufolge immer aggressiver auf. Es seien vermehrt Schüsse zu hören. Wie der iranische Staatssender IRIB am Sonntag berichtete, wurden inzwischen 41 Menschen getötet. Eine offizielle Bestätigung lag nicht vor.

Die Polizei nahm nach offiziellen Angaben innerhalb von zwei Tagen alleine im Norden des Landes mehr als 1.000 Menschen fest. Auch Reporter, die über die Proteste berichten wollten, wurden nach Angaben des iranischen Journalistenverbandes festgesetzt. Unter den inhaftierten Journalisten ist Nilufar Hamedi. Die Reporterin der Reformzeitung “Shargh” war die erste, die den Fall Amini publik gemacht hatte.

Die Rufe der Demonstranten gegen die islamische Führung werden Augenzeugen zufolge radikaler: Neben “Tod dem Diktator” skandierten die Demonstranten auch “Das ist das Jahr des Blutvergießens!” und “Lieber sterben wir als weiterhin Erniedrigung zu ertragen!”. Vor allem junge Demonstranten beschädigten laut Augenzeugen öffentliche Einrichtungen, setzten Autos und Mülleimer in Brand und verprügelten Polizisten.

(Bild: AFP)

EU-Kritik an “unverhältnismäßigem Einsatz von Gewalt”

Präsident Ebrahim Raisi kündigte einmal mehr ein hartes Durchgreifen gegen Demonstranten an. Am Sonntag bestellte das iranische Außenministerium die Botschafter Großbritanniens und Norwegens wegen “Einmischung” in Zusammenhang mit den Demonstrationen ein. Unterdessen lösten unbestätigte Berichte Besorgnis aus, wonach die iranische Regierung auch Hisbollah-Milizen aus dem Libanon zur Niederschlagung der Proteste einsetzen wolle.

Die Europäische Union kritisierte am Sonntag den “weit verbreiteten und unverhältnismäßigen Einsatz von Gewalt gegen gewaltlose Demonstranten”. Die EU werde vor dem nächsten Außenministertreffen “alle ihr zur Verfügung stehenden Optionen prüfen, um auf die Ermordung von Mahsa Amini und die Art und Weise, wie die iranischen Sicherheitskräfte auf die anschließenden Demonstrationen reagiert haben, zu reagieren”, erklärte der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell. Zugleich drohte die EU vage mit möglichen Sanktionen gegen den Iran.

22-Jährige starb nach Festnahme durch Sittenpolizei

Auslöser der Demonstrationen ist der Tod der 22 Jahre alten Iranerin Mahsa Amini. Sie war von der Sittenpolizei wegen eines Verstoßes gegen die strenge islamische Kleiderordnung festgenommen worden. Was genau mit Amini nach ihrer Festnahme geschah, ist unklar. Bekannt ist, dass sie zunächst ins Koma fiel und am 16. September in einem Krankenhaus verstarb. Kritiker werfen der Moralpolizei vor, Gewalt angewendet zu haben. Die Polizei weist die Vorwürfe zurück.

Als Reaktion auf die Proteste hat die Regierung den Zugang zum Internet stark eingeschränkt. Insbesondere mobile Funknetze funktionieren kaum. Den Demonstranten wird es damit erschwert, sich zu organisieren.

Seit der Islamischen Revolution im Jahr 1979 gelten im Iran strenge Kleidungsvorschriften. Insbesondere in den Metropolen sehen viele Frauen die Regeln inzwischen aber eher locker und tragen beispielsweise ihr Kopftuch nur auf dem Hinterkopf – zum Ärger erzkonservativer Politiker. Religiöse Hardliner versuchen seit Monaten, die islamischen Gesetze strenger anwenden zu lassen.

Kundgebungen in Österreich

Auch in Österreich kam es am Wochenende zu Kundgebungen gegen die systematische Diskriminierung von Frauen im Iran. Hunderte Menschen beteiligten sich am Samstagnachmittag an zwei Kundgebungen in der Wiener Innenstadt. Auch am Sonntagnachmittag fand eine Demonstration auf dem Wiener Stephansplatz statt.

(Bild: Christopher Glanzl)

Laut ORF nahmen rund 300 Menschen an der Solidaritätskundgebung teil. Eine Frau schnitt sich aus Protest öffentlich die Haare ab. Die Polizei wollte keine Teilnehmerzahl nennen, die Demonstration sei friedlich verlaufen, hieß es auf APA-Anfrage.

(mst/apa)

Titelbild: ZackZack/Christopher Glanzl

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2 Kommentare
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Peer
26. 09. 2022 16:37

Im Vergleich zu den ersten 20 Minuten aus “2001: Odyssee im Weltraum” hat man sich mancherorts kaum weiterentwickelt auf der Erde.

Danielle Durand
27. 09. 2022 10:25
Antworte auf  Peer

Häufig sind es Großmachtinteressen, die einer Entwicklung hinderlich entgegenstehen. So auch hier. Stichwort: Mossadegh Regierung und deren Schicksal. Gegen das Schreckensregime des Reha Pahlevi hat die Bevölkerung mutig revoltiert, so wie heute unter Einsatz ihres Lebens. Ihr Erfolg wurde von Khomeini kassiert. Wieder unter Einfluss von aussen.