Mittwoch, Juli 24, 2024

Legaler Cannabis-Rausch? – Was man über HHC wissen muss

Es macht high und liegt vor allem bei Jugendlichen im Trend: HHC. Über die Legalität der noch unerforschten Substanz herrscht aber Uneinigkeit. Trotzdem klingeln bei vielen Händlern gerade die Kassen.

Wien | Stolz hält die junge Frau ihren neuen, mit der Post gelieferten Vape in die Handykamera, packt ihn aus und zieht daran. Was auf den ersten Blick wie ein Stift aussieht, ist eigentlich eine mit dem Wirkstoff HHC gefüllte E-Zigarette. Sie hat sich eine neue Sorte bestellt, weil sie beim ersten Mal von der entspannenden Wirkung so begeistert war.

TikTok ist dieser Tage voll von Jugendlichen mit geröteten Augen, die über ihre Erfahrungen mit der neuen Droge berichten. Während die einen von ihrem guten Schlaf nach dem Konsum erzählen, hat es ein anderer junger Influencer weniger gut vertragen. “Das Zeug hat mich komplett weggescheppert”, berichtet er.

Substanz berauscht ähnlich wie THC

Bei HHC handelt es sich um das in der Hanfpflanze vorkommende Cannabinoid “Hexahydrocannabinol”, das derzeit nicht nur die chinesische Social-Media-Plattform, sondern auch den Markt in Europa flutet. Es ist eines von über 100 Cannabinoiden und deshalb so im Trend, weil es, ähnlich wie das allseits bekannte und in den meisten Ländern verbotene THC, “high” macht.

Ein gefundenes Fressen für viele Händler, die bis jetzt mit dem Verkauf legaler CBD-Hanfblüten ihr Geschäft gemacht haben: Sie bieten nun neben einfachen CBD-Produkten, die zwar beruhigend, aber nicht psychoaktiv wirken, eine neue berauschende Variante an. Denn HHC als Reinsubstanz ist noch nicht gesetzlich verboten, da sie noch so neu ist. In Deutschland wird es bereits als “Kiosk-Droge” bezeichnet.

Handel mit synthetischem Cannabis boomt

Aber die Menge an HHC in der Hanfpflanze ist zu gering, es muss daher im Zuge eines chemischen Prozesses im Labor aufbereitet werden. Mittels Druckbehälter wird die molekulare Zusammensetzung natürlicher Cannabinoide aufgebrochen und durch Wasserstoff ersetzt. So können Extrakte wie CBD oder THC in HHC umgewandelt werden.

Chemisch hergestelltes Cannabis? Viele fühlen sich beim aktuellen HHC-Trend an die Zeiten, als “Spice” den Markt eroberte, zurückerinnert. Die aus synthetischen Cannabinoiden bestehende Modedroge wurde im Jahr 2009 in Österreich verboten. Damit will man HHC in der Branche aber nicht vergleichen. Es handle sich viel mehr um ein halbsynthetisches Produkt, weil es – wenn auch in geringen Mengen – natürlich in der Pflanze vorkommt.

Ein Grund, warum HHC oft in flüssiger Form verkauft und mit den bereits genannten Vapes konsumiert wird. Ein Online-Händler aus Deutschland hat sich zur Gänze auf den Vertrieb verschiedenster Sorten von HHC-E-Zigaretten fokussiert. Auf der Website samt Online-Shop wird mit der ultimativen Entspannung geworben. Von HHC-hochprozentigen Vapes bis zu einer milderen Variante wird alles geboten. Bei der Entscheidung hilft ein “Sorten-Finder”, ein kurzer Fragebogen über Gemütszustand und Vorlieben.

Der Cannabis-Konsum mit einem Vape ist vor allem bei Jugendlichen beliebt, Qualitätskontrollen gibt es aber nicht (Bild: Pixabay)

“HHC Strache”

Wer es “natürlicher” mag, bekommt bei anderen Händlern die klassischen “Aromablüten”. Dabei handelt es sich meist um einfache CBD-Blüten, die mit HHC besprüht werden. Kreative Produktnamen werden auch beim neuesten Streich der CBD-Branche ausgeschlachtet, wie auch ein Händler aus Österreich beweist. Zwei Gramm “HHC Strache” kosten um die 20 Euro.

Suchtexpertin: “Man weiß nicht, was man sich zuführt”

Wie bei jeder neu aufkommenden Modedroge, wird aber auch vor dem Konsum von HHC gewarnt. Zwar komme die psychoaktive Wirkung laut ersten Konsumentenberichten nicht ganz an jene von THC heran, trotzdem würden genaue Daten über mögliche Nebenwirkungen und Langzeitfolgen noch nicht vorliegen.

Auch bei der Wiener Drogen- und Suchtkoordination beobachtet man den Trend. Lisa Brunner, Leiterin des Instituts für Suchtprävention, rät im Gespräch mit ZackZack wegen mangelnder Erfahrungsberichte und der halbsynthetischen Herstellung von HHC-Konsum ab – auch wenn in ihrem Bereich bis jetzt keine Probleme mit der Substanz aufgetreten seien. Man wisse als Konsument wie bei anderen neuen Substanzen nicht, was man sich genau kauft, da keine Qualitätskontrollen durchgeführt werden. “Das Gefährliche ist: Man weiß nicht genau, was man sich hier zuführt.”

Legal, illegal, Grauzone?

Viele Händler würden ihr HHC aus Tschechien beziehen, sagt jemand, der selbst Produkte an CBD-Shops verkauft. Der Hanfbauer Pascal Novosel betreibt in Wien eine CBD-Nutzhanfplantage samt eigenem Online-Shop. Er und sein Unternehmen haben im Jahr 2020 mediale Aufmerksamkeit erregt, als seine legal aufgezogenen Pflanzen eines Nachts von Polizeibeamten, in dem Glauben, eine illegale Plantage auszuheben, einfach abgeschnitten wurden.

Novosel ist noch nicht auf den HHC-Hype aufgesprungen und hat es auch nicht vor. Er halte sich an das, was ihm sein Anwalt sagt: Eine neue Substanz ist so lange verboten, bis sie vom Staat erlaubt wird. “HHC fällt unter das Neue-Psychoaktive-Substanzen-Gesetz. Man darf eine Substanz so lange nicht verkaufen, bis es geprüft und vom Staat zertifiziert und genehmigt ist. HHC hat noch niemand erlaubt, legal ist es daher sicher nicht”, so die Sicht des Unternehmers. Er züchtet und verkauft in seinem Betrieb nur biologisch angebaute, EU-zertifizierte Nutzhanfsorten, um Strafen zu vermeiden.

Denn solche könnten den Händlern, die HHC verkaufen, schon bald drohen. Nicht zuletzt, weil sich viele von ihnen sowieso stets in einer Grauzone bewegen. Erst letztens hätte es unter seinen Kunden wieder Fälle von saftigen Geldstrafen gegeben, weil die CBD-Blüten direkt oder indirekt als Rauchwaren angeboten wurden.

Die CBD-Branche ist erfinderisch. Mit immer wieder neuen Produkten und Substanzen, wie aktuell HHC, stehen Händler und Online-Shops immer wieder in der Kritik, weil man sich stets an der Grenze zum Illegalen bewegt (Bild: THOMAS COEX / AFP / picturedesk.com)

Auch für Brunner stellt sich die Rechtslage komplex dar. Die ganze Branche würde in einem Graubereich wirtschaften, weil es kein regulierter Markt sei. Das würde mit dem beginnen, dass CBD-Blüten nicht offiziell als das verkauft werden dürfen, für das sie eigentlich verwendet werden. “Wenn man in so einen Shop geht, wird einem gesagt, dass das ein Aromaprodukt ist, das man sich daheim aufstellen kann. Das ist in etwa so, wie wenn ich zu einem Würstelstand gehe und mir gesagt wird, dass die Käsekrainer eigentlich ein Aromaprodukt ist, das ich mir daheim aufstellen kann.”

“Es braucht ein straffes, kontrolliertes System”

Das bringt die Suchtexpertin auf jenen Punkt, der ihr in ihrer Funktion besonders wichtig ist, der Suchtprävention. “So lange der Graubereich besteht, ist es schwierig, weil man weder gute Aufklärung noch transparent darüber reden kann. So kann man nur schwer arbeiten, das ist scheinheilig.”

Ob die Legalisierung von Cannabis in Österreich ein Aufkommen von neuen und unerforschten Substanzen eindämmen würde, dieser Meinung ist Brunner aber nicht. Aus fachlicher Sicht sei man sich in der Suchtprävention aber einig: “Es braucht eine Regulierung und ein straffes, kontrolliertes System.”

Brunner ergänzt: “Die Regulierung umfasst natürlich auch den Jugendschutz. Maßnahmen und Angebote der Suchtprävention müssten jedoch sowohl weiterhin auf Jugendliche und Erwachsene abzielen und jene, die Probleme mit der Substanz haben, müssen jene Unterstützung und Behandlung bekommen, die sie benötigen.” Jedoch wären bei einem regulierten System die Produkte sicher und überprüft, und für Erwachsene würden strafrechtliche Konsequenzen wegfallen. Personelle und finanzielle Ressourcen könnten in Prävention und Behandlung fließen, so die Expertin.

Experten trafen in Lissabon zusammen

Auch die Europäische Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht (EMCDDA) ist bereits alarmiert. Im Dezember 2022 kamen erstmals 140 Experten aus ganz Europa in Lissabon zusammen, um sich über HHC zu beraten. Ein Bericht dieses Treffens wird für das zweite Quartal 2023 erwartet, heißt es seitens der EMCDDA.

Wenn Sie Ihren Konsum verändern wollen, empfiehlt die Wiener Drogen- und Suchtkoordination, auf ihr anonymes und kostenloses Online-Programm zuzugreifen.

Titelbild: PHILIP FONG / AFP / picturedesk.com

Autor

  • Markus Steurer

    Hat eine Leidenschaft für Reportagen. Mit der Kamera ist er meistens dort, wo die spannendsten Geschichten geschrieben werden – draußen bei den Menschen.

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