Skurril: Kanzler beendet Corona

Aus „Bald wird jeder jemanden kennen, der wegen Corona gestorben ist“ wird offenbar „Bald wird jeder einen Kanzler kennen, der Corona beendet hat“. Ein Facebook-Beitrag von Sebastian Kurz mit Verweis auf einen Jubelartikel gibt die neue Propaganda-Richtung vor.

Wien, 13. Juni 2020 | Als der Kanzler in einer seiner unzähligen Corona-Pressekonferenzen mit seinem “Todes-Sager” quasi offiziell die Epidemie für Österreich ausgerufen hatte, wütete dieses schon längst in Ischgl. Der Tiroler „Alpen-Ballermann“ wurde zu einem Hotspot. Keiner der Verantwortlichen hat sich bis jetzt glaubhaft entschuldigt und politische Verantwortung übernommen. Klagen laufen an, der Tourismus droht auszubleiben.

Jetzt, nachdem das Gröbste der Gesundheitskrise vorerst überstanden scheint, inszeniert sich der Kanzler als Sieger über das Virus. Er hat es ausgerufen, als es längst da war und beendet es, obwohl es noch da ist. Das ist der Eindruck nach einem Facebook-Posting von Sebastian Kurz, das fassungslos macht.

Frecher Facebook-Post

Screenshot Facebook.

Kurz vollbringt dabei das Kunststück, die Corona-Epidemie für Österreich von oben zu beenden und gleichzeitig große Konjunkturmaßnahmen anzukündigen, nachdem er zuvor den Leuten wegen angeblicher Unfähigkeit beim Ausfüllen von Formularen die Schuld an den nicht ankommenden Corona-Hilfen gegeben hatte.

Zur Erinnerung: viele der groß angekündigten Hilfen sind bis heute nicht angekommen, die Regierung steht deshalb gehörig unter Druck. Rund um die denkwürdige Sitzung zum Beschluss eines Krisen-Budgets, vergaß Finanzminister Gernot Blümel (ÖVP) nicht nur die Eröffnung eines Kontos, sondern auch ein paar Nullen in seinem Budget. Die ehemalige Wirtschaftspartei ÖVP bekam wegen der misslungenen Wirtschaftskrisenpolitik sogar Gegenwind aus den eigenen Reihen, zum Beispiel vom ÖVP-nahen Landtmann-Gastronom Querfeld.

Auch die Hilfen aus dem Familienhärtefonds kommen einfach nicht an.

Jetzt versucht die ÖVP offenbar, das Ruder herumzureißen und eine neue Propaganda-Richtung vorzugeben. Von der Corona- zurück zur Wirtschaftspartei, das scheint die Marschroute.

„Zweite Welle“ Wahlkampf-Gag gegen Wien?

Doch was ist plötzlich mit dem Todesvirus passiert? Die Zahlen haben sich für Österreich längst erholt. Ob es auch an den juristisch vielfach angefochtenen Maßnahmen lag, ist schwer nachzuweisen – allerdings auch nicht komplett von der Hand zu weisen. Der Hauptgrund ist aber laut Experten das Virus selbst, denn mittlerweile scheint klar, dass dieses bei weitem nicht so ansteckend ist, wie anfangs gedacht. Der deutsche Starvirologe Christian Drosten von der Berliner Charité stellt die Möglichkeit in den Raum, dass das Coronavirus sogar zu einem „harmlosen Schnupfen“ mutieren könnte. Gefährlich ist es für Risikogruppen aber nach wie vor. Und: Mutationen, die das Virus gar gefährlicher machen könnten, sind ebenso möglich.

Pikant ist zudem, dass Sebastian Kurz und sein Innenminister Karl Nehammer im Zuge der Anti-Wien-Kampagne der ÖVP immer wieder vor einer „zweiten Welle“ warnten. Damit meinten sie explizit Wien und verknüpften die Warnung stets mit Kritik an der verhassten Wiener Stadtregierung. Mit mäßigem Erfolg: die SPÖ Wien steigt kontinuierlich in den Umfragen, die Wiener sind zufrieden mit dem Corona-Management ihrer Stadtregierung.

Auch Christian Drosten und andere Virologen halten es mittlerweile für unwahrscheinlich, dass eine „zweite Welle“ kommen wird. Eher kommt es laut aktuellem Stand der Experten zu Clustern, also zusammenhängenden Infektionsketten, etwa durch einen „Superspreader“. Deshalb konzentriert sich die Wiener Stadtregierung laut eigener Aussage auf eine Teststrategie mit Fokus auf Clustersuche.

Ob Sebastian Kurz nach diesem Facebook-Posting das Virus aus Wahlkampfzwecken oder ähnlichen Motiven noch einmal exklusiv für Wien „ausrufen“ wird, bleibt daher abzuwarten.

(wb)

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Titelbild: APA Picturedesk

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