Montag, Juli 15, 2024

Der Kirschbaum: Holzfällen und Lügen mit verteilten Rollen

Holzfällen und Lügen mit verteilten Rollen

Nach einem Jahr Pause kommentiert Schriftsteller Daniel Wisser nun wieder regelmäßig auf ZackZack. Heute: Der Kirschbaum.

Daniel Wisser

Wien, 05. November 2022 | Ein Bub bekam von seinem Onkel ein Beil geschenkt und begann aus Freude damit, im Garten herumzusäbeln. Bald war ein junger Kirschbaum umgehackt. Der Vater fand den gefällten Baum und schwor dem Täter Bestrafung. Als der Bub das hörte, ging er zum Vater und gestand, den Baum umgehackt zu haben. Der Vater begann zu lachen und der Bub, der den Zorn des Vaters erwartet hatte, fragte, warum er lache. Darauf antwortete der Vater, es sei ihm eine große Erleichterung, dass sein Sohn die Wahrheit gesagt und es nicht vorgezogen habe, mit der Lüge zu leben.

Dieser Bub war angeblich der spätere erste Präsident der USA, George Washington. Wahrscheinlich ist diese Anekdote ebenso erfunden wie ihr Zusammenhang mit Washington. Entscheidend aber ist: Wer einen eigenen Fehler eingesteht, bekommt ein neues Leben geschenkt, und muss nicht mit Schuld, Selbstrechtfertigung und Lüge leben.

Es ist mir unmöglich, in Thomas Schmid oder anderen Gehilfen der sachfremden und nur an Parteivorteilen interessierten Regierungspolitik der letzten fünf Jahre etwas Positives zu sehen. Schmid disqualifiziert sich wie viele andere moralisch auch ohne rechtskräftige Verurteilung für einen Posten, der ihn zum Dienst an der Allgemeinheit verpflichtet. Bemerkenswert ist aber, dass Schmid nun – und sei sein Hauptmotiv auch Strafminderung – zugibt, etwas Unrechtes getan zu haben. Das ist Einsicht. Die ÖVP ist nicht so weit wie Schmid.

Symptomatisch ist, was auf Schmids Geständnis folgte: Der Altaltkanzler, den Schmid einst »liebte«, griff ihn sofort an, und zwar, wie ich einem Bericht entnehme, in einer Performance, von der es leider kein Video gibt. Der Altaltkanzler und seine Pressesprecherin (Mich würde interessieren, ob es sich um eine Angestellte von Thiel Capital handelte) lasen in einem Wiener Hotel mit verteilten Rollen ein Telefonat vor, dass der Altaltkanzler mit Schmid geführt haben will. Symptomatisch, dass der Altaltkanzler sich dabei selbst spielte; eine professionelle Schauspielerin, z. B. Christiane Hörbiger, hätte das nicht besser hinbekommen. Symptomatisch, dass Thomas Schmid von einer Frau gespielt wurde. Symptomatisch, dass der Altaltkanzler, der die Erstellung eines geheimen Videomitschnitts – nämlich des Ibiza-Videos – als »widerlich« bezeichnet hat, nun selbst einen geheimen Mitschnitt veröffentlicht. Pamela Rendi-Wagner, Herbert Kickl oder Beate Meinl-Reisinger wäre der Hohn der Presse gewiss, hätten sie sich in eine solche Löwingergrube gewagt. (Oder eine Hörbigergrube? Seltsamerweise konnte ich als Kind die Hörbigers und die Löwingers nicht wirklich unterscheiden.)

Man fragt sich, warum das Lügen in Österreich keine Konsequenzen hat. Da haben wir Markus Wallner, den Landeshauptmann von Vorarlberg, der behauptet hat, dass er »nie eine Verbindung zu Schmid gehabt habe und mit diesem auch nicht gechattet hat«. Das ist eine Lüge. Nun beginnt das »Aber er hat ja nur …« und »Aber die anderen …«. Jeder dieser Aber-Sätze ist ein Geständnis. Wallner muss zurücktreten.

Da ist Vizekanzler Kogler, der gesagt hat, alle, die in Schmids Geständnis vorkämen, seien weg. Auch das ist eine Lüge: Wallner ist noch da, Wöginger ist noch da, Sobotka ist noch da.

Symptomatisch die Antwort der ÖVP bei der Nationalratssitzung am Mittwoch: Der Kanzler sagt, er sei kein Richter und wolle keine Vorverurteilungen. Der nächste ÖVP-Redner Stocker sagt, Schmid lüge, und macht sich damit zum Richter und spricht damit eine Vorverurteilung aus. Bigotterie und Verlogenheit statt Einsicht.

Wenn Österreich aufwachen und dafür sorgen will, dass sich der Albtraum der letzten fünf Jahre nicht wiederholt, kann es erste Schritte tun. 1. Die Möglichkeit, einen Nationalratspräsidenten durch dasselbe Gremium, das ihn gewählt hat, abzuwählen. (Die FPÖ wollte den Gesetzeseintrag am Mittwoch einbringen. Gehört habe ich davon nichts mehr.) 2. Die Summe, die die Regierung für Inserate ausgeben darf, pro Quartal scharf zu deckeln oder Regierungsinserate überhaupt zu verbieten. Wo keine Inserate, da keine Inseratenkorruption. Und passiert im Parlament nichts, sollte beide Forderungen über Volksbegehren ins Parlament kommen.

Indessen offenbarte das Geständnis Schmids aber noch etwas sehr Interessantes. In der bekannten Causa, in der Schmid in den Chats behauptete, der Kirche in Person des Generalsekretärs der Bischofskonferenz Schipka, Angst gemacht zu haben, gab Schmid zu, mit Schipka ruhig gesprochen und dann aus Angeberei dem Altaltkanzler von seinen heldenhaften Drohungen berichtet zu haben.

Der Altaltkanzler duldete neben sich nur zwei Arten von Menschen: ihm Zujubelnde und ihm Zuarbeitende wie Thomas Schmid. Letztere wollten dem Kanzler also um jeden Preis gefallen. Jetzt verstehen wir auch, woher die Journalisten, die sich Tatsachen zum Trotz immer noch für das türkise System die Finger wund schreiben, ihre Energie nehmen: aus ihrer Frustration. Sie haben alles gegeben und nichts bekommen. Bei einem von Ihnen, nämlich Rainer Nowak, Chefredakteur der Tageszeitung Die Presse, ist der Versuch, über Kontakt zu Schmid zu bestimmten Posten für sich selbst und seine Lebensgefährtin zu kommen, laut Berichten des Standard bereits bei der Staatsanwaltschaft aktenkundig. Die Presse wird sich überlegen müssen, ob ihre Politik-Berichterstattung in Zukunft nicht mehr sein soll als ÖVP-Propaganda. Aber auch Nowak könnte sich selbst eingestehen, wie viele Kirschbäume er in den letzten Jahren umgehackt hat.

Doch wir leben in einem Land, in dem nicht nur die Generation, die den Nationalsozialismus miterlebt hat, mehrheitlich nicht in der Lage war, dessen Untaten auszusprechen und zu verurteilen. Wir leben in einem Land, in dem sogar nach dem Krieg geborene Menschen wie Jörg Haider keine Möglichkeit ausgelassen haben, den Nationalsozialismus nicht nur zu verharmlosen, sondern mit seiner Sprache und Ideologie zu kokettieren. Die Unfähigkeit, sich den Lügen der Vergangenheit zu stellen, ist in Österreich vererbbar. Der Altaltkanzler war die ÖVP-Kopie Haiders. Und wären Jörg Haider oder Sebastian Kurz an George Washingtons Stelle gewesen, sie hätten ihrem Vater ins Gesicht gelogen.

In einem solchen Land brauchen wir ein Parlament, das die Demokratisierung vorantreibt und Kontrolle ausübt, eine unabhängige und resiliente Justiz und eine starke vierte Kraft: Medien, die sich nicht kaufen oder parteipolitisch vereinnahmen lassen. Nicht auszudenken, wo wir stünden, wenn es nicht deutsche Medien gäbe, die objektiv über Österreich berichten, und kleine Onlinemedien wie ZackZack, die dem Druck der Milliardäre und Demokratiefeinde nicht nachgeben.

Titelbild: ZackZack/ Miriam Mone

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