Freitag, Februar 23, 2024

Rettet das AKH – und alle anderen Spitäler!

Vor mehr als zwanzig Jahren gab mir ein erstklassiges Spital die Chance, meinen Krebs zu besiegen. Heute schickt dasselbe Spital Krebskranke mit Tumor und zerstörter Hoffnung nach Hause. Jetzt braucht das AKH Hilfe. Kommentar von Peter Pilz.

 

Wien, 21. Dezember 2022 | Wenn der Krebs in der Prostata zu wachsen beginnt, bleibt meist genug Zeit für den rettenden Schritt: die Operation. Beim Warten auf den Tag der OP beginnt man in sich hineinzuhorchen: Wie weit ist er? Ist er noch drinnen oder durchbricht er schon die Kapsel? Ist es schon zu spät?

Bei der rechtzeitigen Operation wird mit der Prostata der ganze Tumor entfernt. Danach ist der PSA-Wert null und der Patient gesund. Niemand musste vor zwanzig Jahren befürchten, dass kurz vor der OP das Personal fehlt oder kein Bett da ist. So habe ich das erlebt.

An der Universitätsklinik für Urologie im Wiener AKH war ich damals in den besten Händen. Ich verdanke dem großartigen österreichischen Gesundheitssystem ebenso viel wie Zehntausende andere, die dort den häufigsten Männerkrebs überlebt haben.

Kein Platz für Krebspatienten

Das war einmal. Damals hieß es „Kein Platz für Krebs“, heute „Kein Platz für Krebspatienten“. Operiert wird nur noch, wer danach schon ein sicheres Bett in der Klinik hat. Seit gestern hat die Universitätsklinik für Urologie am AKH auf Notbetrieb umgestellt. Ausgenommen sind nur akute Notfälle.

Derselbe Bericht kommt gerade aus Berlin. Dort geht mit der Charité eines der berühmtesten Spitäler der Welt in den Notbetrieb. Von Berlin bis Wien sind die Spitäler am Ende. Ärzte und Pflegerinnen haben bis zuletzt gekämpft. Jetzt geht es nicht mehr.

Sieben Gründe für eine Krise

Spitalsverwaltungen und Gesundheitspolitiker kennen die Gründe, die ich schon am Sonntag beschrieben habe:

  • OP-Tische werden gesperrt, weil OP-Schwestern ausfallen;
  • Ganze Bettenstationen sind wegen Pflegemangels gesperrt;
  • Ärzte telefonieren täglich bis zu vier Stunden, um Betten für „Außenlieger“ auf „Fremdstationen“ zu suchen;
  • Visiten quer durch die Türme des AKH werden zu stundenlangen Wandertagen;
  • Rettungssperren werden verhängt, Patienten abgewiesen;
  • Gut ausgebildete junge Pflegerinnen verzweifeln nach wenigen Monaten und geben den Beruf auf;
  • Ausbildung und Forschung finden nicht mehr statt.

Von Wien bis Salzburg und Graz kennt jeder in den Spitälern die nächsten Abteilungen, die am Ende sind. Ärzte und Pflegerinnen stehen auf, Manager und Politiker sitzen aus.

Das AKH-Management geht dabei noch einen Schritt weiter. Auf die Gefährdungsanzeige der urologischen Abteilung reagierte der AKH-Chef nicht mit Hilfe. Er schickte die Innenrevision. Mehr als eine vor dem Notbetrieb mussten sich die überlasteten Ärzte noch einer Klinik-Visitation unterziehen lassen.

Jetzt versucht die AKH-Spitze, die Innenrevision als erste Antwort auf die Entscheidung der Klinik, in den Notbetrieb zu gehen, zu verkaufen. Aber das scheitert an einem Detail: Die Innenrevision wurde vor mehr als einer Woche, als vom Notbetrieb noch keine Rede war, durchgeführt. Von Betroffenen wird sie als Strafaktion und nicht als Hilfe gesehen.

Aufwachen

„Wenn alle den Mund halten, können alle weitermachen.“ Nach diesem Motto haben Generationen von Spitalsmanagern und ihren Politikern beschwichtigt, weiter „eingespart“ und weggesehen. Jetzt geht das nicht mehr.

Wir können uns unsere Spitalsmanager, Stadträte und Minister nicht aussuchen. Aber wir können sie zwingen, aufzuwachen und endlich etwas zu tun. Eines hat sich nicht geändert: Ärzte und Pflegerinnen sind genauso gut und engagiert wie damals. Sie haben viele konkrete Vorschläge, die man sofort umsetzen kann – damit Krebskranke, die ihr Leben lang in die Sozialversicherung eingezahlt haben, nicht um Klinikbetten betteln müssen.

Titelbild: ZackZack / Christopher Glanzl

Peter Pilz
Peter Pilz
Peter Pilz ist Herausgeber von ZackZack.
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24 Kommentare

  1. zb kaiserin elisabeth spital, tolle schilddrüsenstation, eingespieltes team.
    wurde aufgelöst, das areal verkauft, wohnungen u was noch? wurden darauf errichtet.
    dort wurden alle notwendigen untersuchungen im haus durchgeführt.
    heute, das frustrierte team in alle winde zerstreut.
    jetzt muss man sich die benötigten untersuchungen selbst organisieren u von pontius zu pilatus fahren.
    im kh im 3. bezirk hört man dann: warum kommen sie überhaupt her, das kann auch der hausarzt machen.
    weil die ja so dick gesät sind.
    supi!

  2. Das ursprüngliche Sozialsystem in Ö. war top.

    Seit ca. 20 Jahren gehts steil bergab.
    Den Zahn der Zeit zurück drehen geht halt nicht mehr. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen die Amerikanische/Britische Medizin ist auf einem ganz anderen Lvl als Ö., D, It. u. Frankreich. Da sind Welten dazwischen.
    Nachdem in Ö. die Qualität so dermaßen unter allen Ebenen Ist. Abschaffung SV Beiträge und auf kapitalistische Eigenverantwortung umstellen. Momentum Institut kann da gerne eine Gegenteilige Lösung anbieten. Für eine soziale Lösung sollte man immer offen sein.

    Verantwortlich für diesen Zustand ist hauptsächlich die Generation X. Babyboomer sehe ich da gar nicht so verantwortlich.

    Jeder der noch irgendwie kann sollte eine Abwanderung in Länder mit Zukunft in betracht ziehen. Macht sicher eine Differenz von 10 [gesünderen] Lebensjahren oder mehr aus. + Chance auf eine ordentliche Pension.

  3. Es gibt eine Sache die sich wie ein Roter Faden durch den gesamten Bereich “Soziales” zieht, die Beschäftigten werden nicht nach ihrer Meinung gefragt. Manager schauen dass die Kasse stimmt und um den Rest kümmert sich niemand. Und wenn dann der Notstand ausbricht ist man der Meinung die Beschäftigten bräuchten nur ordentlich zu spuren und alles wäre gut. So funktionierts halt nicht, zumindest nicht auf Dauer.

  4. Tja, mit “Krebs machen” lässt sich halt gut verdienen.
    Mit “Krebs behandeln” auch.
    Doch mit “Krebs privat behandeln lassen” lässt sich halt ein Vielfaches davon verdienen.

    Muss man doch einfach “verstehen”, oder etwa nicht?

  5. Was hat diese Gesellschaft davon erwartet sich Jahrzehntelang von neoliberalem Drecksgsindel ausbeuten und zerstören zu lassen? Ihr habt mit euren Wählerstimmen Drecksgsindl bestellt und die entsprechenden Konsequenzen bekommen. In Zukunft denkts halt darüber nach ob ihr den Honig eines jeden Lügners bereitwillig fresst oder das Hirn einschaltet und den Zettel doch lieber leer statt mit nem Kreuzerl beim “geringsten Übel” in die Urne schiebt. Denn das Kreuzerl bestätigt das Übel, auch wenn es tatsächlich ein geringeres sein sollte… Übel bleibt Übel, ob rot, schwürkis, blau, grün oder in Regenbogenfarben angemalt.

    “I look to a day when people will not be judged by the color of their skin, but by the content of their character.”
    Martin Luther King

    Mein Zusatz: kann getrost auf Parteifarben erweitert werden!

  6. Herr Pilz, Sie sind ein Glückspilz, dass Sie im AKH nach allen Regeln der medizinisch-wissenschaftlichen Kunst behandelt werden konnten. Mir ist nicht klar, wer diesem weltweit renommierten Spital mit angeschlossener Forschungstätigkeit (George Michael gab nach seiner dortigen Lebensrettung sogar ein Konzert für die Belegschaft) nun bewusst schaden will: Stadt Wien, Bund, Gesundheitsmin, Finanzmin? Will man es an Sponsoren im Dunstkreis von Thiel oder wie Hotels an Ölprinzen verscherbeln? Dass die Forschungstätigkeit der ÖVP ein Dorn im Auge ist, muss angenommen werden. Karner’s Zugang aus seiner Lilliput-Perspektive lautet: “Die Empirie, die Wissenschaft ist das Eine, die Fakten sind das Andere”. Rauch dürfen wir bzgl AKH nicht belästigen, der hat schon einfachere Dinge verhaut….

    • der karner soll einmal englisch lernen, dann versteht er vielleicht auch die nordischen sozialen vorreiter.
      dass wir auch immer die größten plitza als regierung haben.

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