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Köstingers Paralleluniversum – Test-Flop wird ausgebaut, Strategie fehlt weiterhin

Test-Flop wird ausgebaut, Strategie fehlt weiterhin

Die Ministerin geht in die Offensive: nachdem die Sommersaison fast vorbei ist, soll die „Corona-Testoffensive“ jetzt so richtig losgehen. Das Problem: seit Ende Mai gibt es unzählige Pannen, Beschwerden und Verschleierungsvorgänge rund um Berater, die keiner engagiert haben will.

 

Wien, 28. August 2020 | „Europaweit einzigartig“ sei das Testprojekt des Tourismusministeriums und der Wirtschaftskammer (WKO), das Ende Mai mit großem Tamtam vorgestellt wurde. Versprochen wurden 65.000 Corona-Tests pro Woche, lediglich 115.000 waren es nach drei Monaten.

Gastro und Campingplätze sollen Projekt retten

Jetzt will man den Umfang ausweiten, indem man die Gastronomie, Jugendherbergen und sogar Campingplätze mit ins Programm nimmt. Für die Teilnehmenden sind die Tests kostenlos, das Tourismusministerium bezahlt hingegen 85 Euro pro Test – an Labors, die zum Teil einem mutmaßlichen „Kartell“ angehören und sich nach einem intransparenten Auswahlprozess ein goldenes Näschen verdienen. Dass aus der Hotellerie viel Kritik an der fehleranfälligen Umsetzung kam, wird von der Ministerin offenbar ignoriert: Elisabeth Köstinger spricht weiterhin von einer Vorreiterrolle.

„Damit gehören wir zu den internationalen Vorreitern. Österreich soll auch in Zukunft eines der gastfreundlichsten und sichersten Urlaubsländer sein.“

St. Wolfgang wirkte zwar für viele wie eine Bestätigung des Chaos, doch auch den anderen Projekt-Schirmherren scheint das nicht zu interessieren: WKO-Präsident Harald Mahrer betont, die Ausweitung der Tests sei ein Zeichen für Österreich als sicheres Urlaubsland.

Chaos, Verschleierung und Kritik

Die große Kluft zwischen Versprechen und Einhalten überrascht: ZackZack und „Krone“ deckten auf, dass der US-Beraterriese McKinsey im Hintergrund aktiv mitmischte, doch keiner will ihn beauftragt haben. Nach Veröffentlichung erster Artikel von ZackZack, „Krone“ und „Standard“ verschwanden Spuren und Kontakte, aber türkise Berater im Hintergrund tauchten auf. Labors, die leer ausgegangen waren, meldeten sich genauso bei uns, wie ratlose Hotelbetreiber.

Auch ein ÖVP-Wirtschaftsbundler, Mario Pulker, schoss gegen das Projekt – offensichtlich zu laut, da er seine Worte via Aussendung sofort wieder zurücknehmen musste. Der WKO-Spartenvize im Bereich Tourismus stellte nämlich gegenüber ZackZack und „Standard“ klar, das „Coronafrei“-Gütesiegel bringe „gar nichts“, er habe das Testen mit seinem Betrieb irgendwann selbst in die Hand genommen.

Vielfach hieß es aus der Branche, Hotels sollen sich gar selbst Leitfäden geschrieben haben, da es vom Ministerium monatelang keine ausreichenden Vorgaben gegeben habe.

Keine Strategie, „Realitätsverweigerung“, „PR-Show“

Ein Kritiker der ersten Stunde ist NEOS-Wirtschaftssprecher Sepp Schellhorn. Der sagt gegenüber ZackZack:

„Der Test-Flop aus dem Sommer soll jetzt den Winter-Tourismus retten – noch praxisferner kann eine Tourismusministerin nicht agieren. Köstinger betreibt hier Realitätsverweigerung.“

Schellhorn betont seit Wochen, dass es an einer Teststrategie fehle. Es gehe mehr um Marketing, als darum, wirklich eine sinnvolle Maßnahme umzusetzen. „Es gibt keine Teststrategie dazu – sie wurde uns bisher weder kommuniziert, noch ist sie in irgendeiner Form ersichtlich. Darum sind diese Testungen eine steuerfinanzierte Marketing-Aktion und eine reine Momentaufnahme. Diese Testungen schaffen keine Sicherheit.“

Sepp Schellhorn (NEOS), selbst Hotelbetreiber, ist weiterhin skeptisch. Bild: APA Picturedesk.

Unklar, welche Folgen positiver Test hat

Das unterschiedliche Vorgehen bei Cluster-Vorkommen sieht er als Bestätigung dafür, dass die operative Umsetzung des Projekts scheinbar weniger wichtig ist: „Im Montafon musste ein Hotel nach einer positiven Testung für zwei Wochen schließen, in Sankt Wolfgang bleibt das betroffene Hotel offen.“ Die Ausweitung des Programms sei zwar grundsätzlich gut und längst überfällig, der Mehrwert sei aber für die Teilnehmenden immer noch nicht klar ersichtlich. Man wisse bis heute nicht, welche Folgen ein positiver Test für Unternehmen, Mitarbeiter und Gäste hätte.

Auch Philip Kucher von der SPÖ stört, dass die Steuermillionen bislang eher für PR-Aktionen ausgegeben wurden. Gegenüber ZackZack betonte er, Köstinger und Mahrer seien „mit „150 Millionen Euro PR-Show auf Steuerzahlerkosten“ gescheitert. Kärntens Landeshauptmann Peter Kaiser (SPÖ) freut sich hingegen, dass seine Forderung nach Erweiterung endlich von der Bundesregierung aufgenommen wurde. Er habe die Ausweitung der Tests gefordert, „nachdem Ministerin Köstinger diese bis heute ausschließlich Mitgliedern der Wirtschaftskammer vorbehalten hatte“.

(wb)

Titelbild: APA Picturedesk

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