Gut vorbereitet?

Krisenstab-Protokoll zeigt: Österreichs Regierung verschlief den Ausbruch der Corona-Pandemie

In den Tagen zwischen 28. Februar und 10. März machte die Regierung eine komplette Kehrtwende bei ihrer Kommunikation zur Corona-Epidemie. Das Protokoll der ersten Krisenstab-Sitzung gibt tiefe Einblicke, warum. Die Regierung hat die entscheidenden Tage beim Ausbruch verschlafen.

Wien, 28. April 2020 | Österreich sei “auf alle Szenarien gut vorbereitet”, sagte Sebastian Kurz am 24. Februar. Vier Tage danach traf sich der Corona-Krisenstab – die “Taskforce Corona” – zum ersten Mal im Gesundheitsministerium. Das Protokoll der Sitzung zeigt: Gut vorbereitet war Österreich nicht. Ende Februar gab es in ganz Österreich gerade einmal Material für 7.500 Tests. Maximal 1.200 am Tag hätte man durchführen können – nach nicht einmal einer Woche wäre also Schluss gewesen. Tatsächlich wurden vom 28. Februar, als die Taskforce zum ersten Mal tagte, bis zum 12. März insgesamt nur 4.220 Tests durchgeführt. Ab 12. März schraubte die Regierung die Zahl der Tests nach oben, so gut sie konnte; die von Kurz im CNN-Interview beahupteten 10.000 Tests am Tag erreichte sie allerding nur an einem einzigen Tag, dem 22. April.

Die entscheidenden zwei Wochen

Die zwei Wochen zwischen Ende Februar und Mitte März brachten die Wende für die Ausbreitung der Coronaepidemie. Am 28. Februar gab es in Österreich keine bekannten Covid-19-Erkrankungen. Am 16. März, als Ausgangbeschränkungen für ganz Österreich in Kraft traten, waren es bereits 986. Als der Shutdown kam, war es dank Inkubationsphase bereits zu spät, die Epidemie zu verhindern. Ziel der Regierung war nun, sie einzudämmen. Erst nach dem Shutdown setzte der große Anstieg ein, der am 03. April mit 9.193 Erkrankten seinen vorläufigen Höhepunkt erreichte. Wäre es möglich gewesen, es gar nicht erst soweit kommen zu lassen? Der Fall Vietnam zeigt, dass entschlossenes Handeln in den entscheidenden zwei Wochen den Ausbruch möglicherweise völlig stoppen hätte können.

Vietnam setzte auf unverzügliche Quarantänemaßnahmen für jene Regionen, in denen die ersten Fälle auftauchten. Das Land steht heute bei 270 Erkrankten und null Toten. Südkorea setzte auf ähnliche Maßnahmen und war damit ebenfalls erfolgreich. Beide Länder, die nach der SARS-Pandemie 2002/03 bereits reichlich Erfahrung mit Corona-Viren hatten, verfolgten niemals eine “Flatten the Curve”-Strategie, sondern kappten die Kurve unverzüglich.

Während der ersten zwei Wochen nach Bekanntwerden der ersten Fälle breitete sich die Epidemie unkontrolliert aus. Als die Regierung eingriff, war das Infektionsgeschehen bereits in vollem Gang. Die Balken zeigen positive Tests. Der rote Balken markiert den 16. März – den Tag, an dem die Ausgangsbeschränkungen in Kraft traten. Bild: Gesundheitsministerium/ZackZack

Ganz anders Österreich. Erst am 13. März wurde Ischgl unter Quarantäne gestellt. Bis dahin hatten sich bereits rund 10.000 Deutsche, hunderte Skandinavier und eine unbekannte Zahl von Österreichern angesteckt. Das, obwohl Island die östereichische Regierung bereits am 05. März gewarnt und Ischgl zum Risikogebiet erklärt hatte.

Tests, weil “Bevölkerung Beruhigung will”

In Österreich breitete sich das Virus in den entscheidenden 14 Tagen von Ende Februar bis Mitte März unkrontrolliert aus. Es gab kaum Tests, keine Quarantänemaßnahmen. Als die Regierung handelte, setzte sie mit dem Shutdown radikale Schritte. Es gelang, die Kurve abzuflachen. Doch die ersten zwei Wochen waren verschlafen worden. Seitens der Regierung gab es Ende Februar kein Interesse, durch breit angelegte Testungen Infektionsherde wie etwa Ischgl aufzuspüren und unter Quarantäne zu stellen. Brisantes Zitat aus dem Protokoll der “Taskforce Corona”: “Der Druck, Tests durchzuführen” käme “primär aus der Bevölkerung, die Beruhigung will.”

Kein Interesse an Schutzausrüstung

Bei Schutzmasken sah die Lage Ende Februar so düster aus, dass im Protkoll der “Taskforce Corona” vermerkt ist, man würde im Fall des Ausbruchs Krankenhauspersonal nicht mit sicheren FFP3- bzw. FFP2-Masken ausstatten können: “Arbeitnehmerschutz erfordert aktuell höhere Schutzmaßnahmen, als möglicherweise verfügbar sein werden. Wenn es tatsächlich keine anderen Masken mehr gäbe, werde man davon abweichen müssen.” Im ZackZack-Interview beschrieb am Montag ein Krankenpfleger, dass mittlerweile sogar einfache Mund-Nasen-Schutzmasken gewaschen und wiederverwendet werden müssen.

Auch an Desinfektionsmittel mangelte es laut Protokoll. Pikant: am selben Tag, an dem die “Taskforce-Corona” feststellte, dass medizinisches Personal in Österreich ohne Masken auskommen müsste, bot die EU-Komission den Mitgliedsstaaten an, Schutzausrüstung für sie zu beschaffen. Österreich lehnte ab. Erst ab Mitte März begann Österreich, sich in großem Maßstab um die Beschaffung von medizinischer Ausrüstung zur Bewältigung der Krise zu bemühen – doch dann war es schon zu spät. In der letzten Märzwoche rief laut Bericht des deutschen Nachrichtenmagazins “Der Spiegel” Sebastian Kurz persönlich beim Medizinproduktehersteller Dräger an. Man brauche dringend 1.000 Beatmungsgeräte. Doch die waren schon weg. “Er kann jetzt nur noch 50 bekommen”, sagte Dräger.

Besser spät als nie?

Als der Regierung nach zwei Wochen Untätigkeit bewusst wurde, dass sie den entscheidenden Moment im Infektionsgeschen vielleicht schon verschlafen hatte, reagierte sie mit aller Härte, um den Schaden nach Möglichkeit zu begrenzen. Sie änderte die Strategie. Statt auf Beschwichtigung setzte sie nun auf Angst, statt Laissez-faire setzte es Ausgangsbeschränkungen. Der Preis für das verspätete Handeln ist hoch: Völliger Shutdown, tausende Anzeigen gegen die Bevölkerung, rund 600.000 Arbeitslose.

(tw)

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Titelbild: APA Picturedesk

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